Antifaschismus – was ist damit?

Du bist jung, du bist hip, du bist sportlich, du bist schick.
Lebst vegan, kaufst regional, gehst zur Uni und hast Swag.
Trägst meist schwarz und bist dezent tätowiert,
auf den Punkt gebracht, hast du den modernen Style in Perfektion adaptiert.
So stehst du da, mit deiner Bauchtasche und deinem Jutebeutel über‘m Arm und ich muss sagen,
Digger du gehst echt fit.
Doch ich wundere mich, als unsere Blicke sich treffen, kriege ich kein Lächeln zurück.
Und während ich noch so am Grübeln bin, drehst du dich um, gehst zu deinem Rennrad und ich sehe mit Schrecken nun dein wirkliches Gesicht.
Auf deinem Rahmen prangt, gelb auf schwarz, euer dreckiges identitäres Emblem.

Ich weiß nicht, wie nun richtig zu reagieren.
Soll ich pöbeln, soll ich schreien, soll ich was werfen, soll ich gehen?
Also zögere ich und gebe dir kurz Zeit.
Die dir reicht, für die qualifiziert geflüsterte Aussage: „Antifafotze fick dich hart.“
Jetzt reicht es mir und ich setze zum Gegenschlag an.
Lauthals singe ich nun voller Elan:
„Ihr habt den Krieg verloren, ihr habt den Krieg verloren, ihr habt, ihr habt, ihr habt den Krieg verloren“.
Die Menschen um uns herum glotzen mich nur ungläubig an.
Ich gebe zu, meine Reaktion zeugt nicht gerade von diplomatischen Geschick.
Ein älterer Herr schüttelt den Kopf und raunt seiner Frau zu:
„Jaja, wieder dieses linke Pack“.
Und du, du lässt mich hier einfach stehen.

Du bist alt, du bist weise, du bist glücklich, du bist froh.
Wählst die Linke, bist gesettet, fährst ’nen Volvo und hast ’nen Hof
Trägst noch bunte Muster, doch die Haare sind längst grau.
Auf den Punkt gebracht, hast du deine Prinzipien fast verbraucht.
Und so stehst du da, deine orthopädischen Schuhe stramm geschnürt und ich muss sagen, ich finde dich erst mal ganz okay.
Und so wundert es nicht, als unsere Blicke sich treffen, kriege ich immerhin ein besonnenes Lächeln zurück.
Und während ich noch am Grübeln bin, zückst du einen Haufen Flyer und pendelst wie ein Aasgeier auf mich zu.
Die Wahrheit finden, Medien entlarven, Reptiloiden erkennen und trotz Chemtrails schlafen.

Ich weiß nicht, wie nun richtig zu reagieren.
Soll ich pöbeln, soll ich schreien, soll ich was werfen, soll ich gehen?
Also zögere ich und gebe dir kurz Zeit.
Du brabbelst los:
„Juden sind Händler. Juden sind Gangster. Juden haben die Weltherrschaft. Mondverschwörung. 11 September. Medienwahn. Handystrahlung. Angriffe der USA. Geflüchtete? schwere Frage. Bilderberg an allem schuld.“
Jetzt reicht es mir und ich setze zum Gegenschlag an.
Erbost schreie ich nun voller Elan.
Die Menschen um uns herum glotzen mich nur ungläubig an.
Ich gebe zu, meine Reaktion zeugt nicht gerade von intellektuellem Geschick.
Ein junger Mann nimmt sein Kind in den Arm und flüstert ihm zu:
„Heinrich, fürchte dich nicht, das ist die Verwirrung die aus Ihr spricht.“
Und du, du lässt mich hier einfach stehen.

Du bist riesig, du hast Muskeln, du bist weiß und bist ein Mann.
Gehst zur Demos, hast Familie, liebst dein Volk und bist sehr stolz.
Trägst ’ne Bomberjacke und die Haare sind geschoren.
Auf den Punkt gebracht, wurdest du schon als strammer Deutscher geboren.
Und so stehst du da, mit breitem Grinsen im Gesicht und ich muss sagen, du bist alles andere als attraktiv.
Und was wundert es mich, als unsere Blicke sich treffen, kriege ich eine obszöne Geste zurück.
Und während ich noch am Grübeln bin, streckst du schon deinen Arm zum Gruße aus.
Auf dem Marktplatz, vor’m Rathaus, marschieren deine Kameraden mit Fackeln auf.

Ich weiß nicht, wie nun richtig zu reagieren.
Soll ich pöbeln, soll ich schreien, soll ich was werfen, soll ich gehen?
Also zöger ich und gebe dir kurz Zeit.
Gemeinsam brüllt ihr jetzt lauthals:
„Merkel muss weg. Wir sind das Volk. Lasst sie ertrinken für unsere Frauen“.
Jetzt reicht es mir und ich setze zum Gegenschlag an.
Erbost pöbel ich nun voller Elan:
„Nazis morden, der Staat schiebt ab, das ist das gleiche Rassistenpack. Abschiebebehörden gehören blockiert. Die Pässe werden brennen. Ihr werdet noch sehen“.
Von Wut geleitet sammel ich meine letzte Kraft und mache zur Abwechslung, wie in meinem kühnsten Traum, einen gewagten Hechtsprung in Richtung Zaun.
Doch scheitere im letzten Moment an dem Ast, von einem deutschen Baum.
Die BFE Sondereinheit um uns herum glotzt mich mitleidig an.
Ich gebe zu, meine Reaktion zeugt nicht gerade von sportlicher Eleganz.
Eine Polizistin verschafft sich nun einen Überblick, über mein übles Ungeschick.
Und du, du lässt mich hier einfach stehen.

Ich bin zuhause und sitze vorm PC.
Die Nachrichten rauschen an mir vorbei. Flüchtlingsheim brennt. Menschen ersoffen. In der AfD das große Hoffen auf die 20%. Neunundsechzig Menschenleben zum Geburtstag, mal eben. Menschen, die sich lauthals beschweren, wenn von Rassismus Betroffene über Rassismus reden.
Und ich könnte kotzen und so frage ich mich, Antifaschismus was ist damit?
Gern wäre ich in der Lage euch kluge Ratschläge für den Kampf gegen rassistische Scheiße an die Hände zu geben. Würde den Weg zum Ziel einer freien Gesellschaft in bunten Farben über euren Köpfen anbringen. Würde euch die Sicherheit vermitteln, zu wissen, wie all das funktioniert. Doch einfache Antworten, die hab ich nicht.
Also fürs Erste zum Abschluss nun mein kleiner Apell:
Vielleicht seid ihr peinlich, vielleicht gar lächerlich.
Vielleicht von Trauer geleitet kurz außer Gefecht.
Vielleicht vor Wut nicht ganz bei Sinnen.
Doch versucht es und scheitert und steht wieder auf.
Bis wir gemeinsam in das schöne Leben springen.

– Uta –