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Keine Meinung

Düdüüüü Düdüdüdüüüüüüüüüüü (Tagesschau Intro-Melodie gesungen)

Es ist nicht 20 Uhr, sondern 7:42 Uhr, ich bin wie immer viel zu spät dran, stopfe mir mit der einen Hand Müsli in den Mund, während ich in der anderen mein Handy halte und auf den Bildschirm starre. Ich bin apolitisch, aber zumindest einmal am Tag kann ich mich ja mal ein bisschen über das Weltgeschehen informieren, denk ich mir und zieh mir noch schnell die Tagesschau in 100 Sekunden rein.

Guten Morgen, meine Damen und Herren, ich begrüße sie zur Tagesschau.

  • Berlin – CDU-Sicherheitspolitiker fordert Beobachtung der AfD
  • Brüssel – EU beruft Sondergipfel zur Flüchtlingskrise ein
  • Bangladesch – Mehr als 1000 Arbeiterinnen sterben bei Einsturz einer Fabrik
  • Kleve – Syrer kommt bei Brand in JVA ums Leben
  • Jemen – 20 Millionen Menschen von Hunger bedroht
  • Syrien – 63 Menschen sterben bei Luftangriffen in Aleppo

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Ich schalte aus…

Kann es nicht mehr hören, nicht mehr sehen, lieber wegschauen, wegdrängen, wegschalten. Und überhaupt – Was habe ich schon damit zu tun? Ich bin apolitisch.

Ich muss los, hetze in Richtung U-Bahn-Station, vorbei an dem Hakenkreuz unter der Brücke und mache mir schon gar keine Gedanken mehr darüber, wer das, warum, irgendwann mal dort hingesprayed hat. Ich laufe schnell weiter, komme am Bahnhof an. Wie jeden Tag sitzt der Bettler an seinem gewohnten Platz neben der Rolltreppe, ein Schild mit der Aufschrift „Ich habe Hunger!“ in der Hand. Ich gebe ihm nichts, renne die Treppe hoch. Leben wir nicht in einem Sozialstaat? Da sind doch alle versorgt, uns geht’s doch eigentlich allen gut hier! Und überhaupt – was habe ich schon damit zu tun? Ich bin apolitisch.

Ich meine was wäre denn, wenn ich mir bei jeder Mahlzeit bewusst machen würde, wie viele Menschen genau in diesem Moment verhungern? Wer könnte denn noch die Tagesschau gucken, wenn er sich das Elend der Kriege oder die Verzweiflung von Menschen auf der Flucht ernsthaft und eindringlich vergegenwärtigen würde?

Verantwortlich für das Elend der Welt bin ich sowieso nicht – das sind die anderen! Die gierigen Wirtschaftsbosse zum Beispiel oder die unfähigen Politiker. Ja, dumm nur, dass gerade die sich am wenigsten dem großen Ganzen verpflichtet fühlen, sondern eher mit dem Erfolg ihres Konzerns beschäftigt sind und die Politiker mit ihrer Wiederwahl. Zur Wahl gehe ich deshalb auch nicht mehr, ich fühle mich nicht repräsentiert, Versprechungen bei Wahlkämpfen werden sowieso nicht eingehalten, außerdem bin ich apolitisch, Politik interessiert mich nicht. Von mir aus kann alles so bleiben wie es ist, mir geht’s gut hier.

Aber genug philosophiert, meine Bahn kommt, ich steige ein, greife wie gewohnt in meine Jackentasche… Scheiße! Handy vergessen!

Ich lasse meinen Blick durch den Waggon schweifen und sehe vor allem missmutige Gesichter. Alle glotzen auf ihre Handys, gekrümmte Haltung, starrer Tunnelblick. Tja, genauso sehe ich wohl auch aus jeden Tag…

Nur einer liest in einer Zeitung. Ich setze mich ihm gegenüber und werfe einen Blick auf die Rückseite: „Erste Kältetote in Hamburg – Obdachlose Johanna auf der Straße erfroren“

Es läuft mir eiskalt den Rücken herunter. Ich denke an den Bettler neben der Rolltreppe, an dem ich jeden Tag achtlos vorbeilaufe. Mir ist schlecht, ich bin wütend – wütend auf meinen Egoismus, entsetzt von meiner Gleichgültigkeit, fassungslos über meine Untätigkeit!

Ich frage mich zum ersten Mal: Was passiert, wenn nichts passiert?

Was passiert, wenn es uns irgendwann nicht mehr so gut geht?

Was passiert, wenn immer mehr Leute keine Meinung mehr haben?

Was passiert, wenn ich in den Nachrichten weiter nur noch Zahlen höre, statt verlorener Menschenleben?

Was passiert, wenn die Politiker weiter nur die Fortsetzung des Bestehenden versprechen?

Was passiert, wenn immer weniger sich interessieren, informieren, wählen gehen?

Was passiert, wenn ich weiter jeden Tag an dem Hakenkreuz und dem Bettler vorbeihetze und jedes Mal wegschaue!

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Ich weiß es nicht.

Ich habe keine Meinung.

Ich weiß nicht, wofür ich stehe? Für den Rechtsstaat? Für Gleichberechtigung und Menschrechte? Ja, wofür noch…?

„Nächster Halt St. Pauli!“ schallt es aus den Lautsprechern. Ich steige aus, ein Obdachloser kommt mit einem Pappbecher in der Hand auf mich zu.

Alles wie immer, aber etwas ist anders heute!

 

– Alexandra Kunert –