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Wie es ist in Chemnitz aufzuwachsen

“Unser nächster Halt ist Chemnitz Hauptbahnhof! Ausstieg in Fahrtrichtung links, bitte alle aussteigen.“

Sonntagnacht –
Ich kriege einen Herzinfarkt beim Ertönen der sächsischen Stimme –
18 Jahre bin ich hier aufgewachsen.
Sächsisch verstört mich immer noch –
nicht so sehr wie Pegida-Demonstrationen, aber die Kombination macht’s.

Es ist 23 Uhr –
Totenstille am Bahnhof Chemnitz.
Mein Koffer rollt mit tosendem Lärm über den nagelneuen Boden des Bahnhofs.
Ich entdecke neue Imbissbuden und frage mich, ob es wirklich nötig war, so viel Geld in einen so hässlichen Bahnhof zu stecken.
Dann erinnere ich mich an zwei Holzbänke vor dem Naturkundemuseum, die 65.000 Euro gekostet haben und beschwichtige mich selbst, dass unsere Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig schon wissen wird, was sie da tut.

Dass das gelogen ist, verdränge ich so, wie es alle guten Chemnitzer*innen tun würden:
Mit Alkohol. Viel Alkohol.

○ ○ ○ ○ ○ ○

Auf dem 5-minütigen Heimweg treffe ich dann doch auf menschliche Wesen im verlassenen Chemnitz.
Zwei junge Männer laufen an mir vorbei, und einer von beiden ruft mir zu: „Geile Sau!“
Ich drehe mich um, lächle und zeige routinemäßig meinen Mittelfinger.
Im Weiterlaufen höre ich dann noch ein leises „Kanackenschlampe“.

Willkommen in Chemnitz!

Meine Mutter öffnet mir freudestrahlend die Tür und sagt: „Schön wieder in der Heimat zu sein, oder?“
Ich grinse verlogen und nicke.
Meine Mutter fragt mich, was ich die Tage so vorhätte. Ich erzähle ihr, dass ich wegen der #WirSindMehr-Demonstration hier bin, und meiner Mutter entgleist das Gesicht.

„Ist dir eigentlich klar, dass dieser Mann 200 Meter vor unserer Haustür erstochen wurde!?“
Ich nicke abwesend und packe währenddessen meinen Koffer aus.
„Und überhaupt – wie gefährlich so eine Menschenmasse sein kann!?“
Ich überlege, was ich morgen anziehe und in wie viele Polizeikontrollen ich mit einem komplett schwarzen Outfit geraten würde.

„NIMMST DU MICH ÜBERHAUPT ERNST, WENN ICH MIT DIR REDE!?“
Nun, denke ich mir, nicht ganz so ernst wie unseren Nachbarn Herrn Ernst, der Montag beim Fackellauf immer die Deutschlandflagge schwenkt, wenn er durch den Park der Opfer des Faschismus läuft, aber schon so ein bisschen.

Natürlich sage ich nichts. Ich grinse einfach verlogen und nicke.
Meine Mutter starrt mich an.
Ein bisschen als würde sie sich Sorgen machen.
Ein bisschen als würde sie mich umbringen wollen. –
Aber die Kombination macht’s.

Montagnachmittag – 17 Uhr
Ich stehe auf dem Stefan-Heym-Platz in Chemnitz, und mit mir 65.000 weitere Menschen.
18 Jahre bin ich hier aufgewachsen –
Zwischen Kraftklub, Rentnern und Nazis.
Und ich muss zugeben, ich bin maßlos erstaunt.

Montagnacht – 22 Uhr
Alles ist friedlich verlaufen.
Der einzige REWE in der Innenstadt hat längere Einlass-Schlangen als jeder Club und der einzige offene Dönerimbiss macht den Umsatz des Jahrtausends.
Menschen tanzen auf den Straßen zu Technobeats und schreien lauthals „Nazis raus!“

○ ○ ○ ○ ○ ○

Es wäre schön, wenn jeder Tag in Chemnitz so bunt wäre.
Wenn die Hälfte der Anwesenden nicht wegen eines kostenlosen Konzerts da gewesen wäre, sondern um sich mit uns Chemnitzer*innen zu solidarisieren.
Zu sagen: „Ihr seid nicht allein!“
Nicht, weil der Sänger von Kraftklub das von den Demonstrant*innen erwartet, sondern weil man von Herzen aus solidarisch sein will.

Es wäre schön, wenn man auf meine Heimatstadt nicht nur herabblicken würde.
Wenn man mal einen Blick ins Lokomov oder ins AJZ werfen würde, um bei ein oder vierzehn Bier feministischer Live-Musik zu lauschen.
Wenn man neben Kraftklub, Rentnern und Nazis auch die Jugend sehen würde, die sich tagtäglich für sozialen Wandel einsetzt –
Indem sie Hakenkreuzschmierereien überklebt, Gegendemonstrationen organisiert und füreinander einsteht.

Es sollte mehr Berichte geben über Jugendbanden, die Always Ultra XXL-Binden über sexistische Werbung kleben und Fuck Society auf jede einzelne Binde schreiben.
Mehr Berichte über Toleranztage an Schulen.
Mehr Berichte über braune Luftballons, die in Massen losgelassen werden, um symbolisch das braune Gedankengut aus der Stadt zu verabschieden.

Und vor allem mehr Geld –
Mehr Geld, das in Anti-Diskriminierungsprojekte gesteckt wird.
Und nicht in Holzbänke.

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Dienstagabend – 17 Uhr
Auf dem Weg zum Bahnhof spricht mich ein junger Mann an.
Ich will ihn genervt ankeifen, den Mittelfinger bereit in meiner Jackentasche.
Aber er sagt nur „Entschuldigung“ und reicht mir lächelnd meinen Schlüssel, der mir aus der Tasche gefallen war.

Ich sitze im Zug auf dem Weg zurück nach Hamburg –
Die Bahnansage ertönt.
Und ich muss zugeben, ich finde es ein wenig schade, dass sie nicht auf Sächsisch ist.

Emi –