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Wie soll man mit den Leuten reden?

Wie soll man mit den Leuten reden?
Mit Ohnmacht, Angst und Wut im Bauch?

Wenn…

…dieser Nachbar im Sommer an der Terassentür lehnt, bei strahlendem Sonnenschein, ein Bier in der Hand und sagt: „Aber mal ehrlich, die schicken uns ja nur ihre jungen, kräftigen Männer hierher!“

Wenn…

…meine Oma, die nie etwas sagen würde gegen die Layla, mit der sie zum Sport geht, die mir wo sie kann stets mit Rat und Tat zur Seite steht, „aber doch mal sagen dürfen muss, dass das so nicht weitergeht; das hat der Thilo Sarrazin ja auch gesagt.“

Wenn…

…andere Verwandte sich so sehr freuen, endlich die Familie und besonders die Jüngsten mal wiederzusehen, über die Kaffeetasse hinweg sagen: „Die können ja aber nicht alle hierherkommen, ja, ja, nee, auch weil der Islam, der gehört eben nicht zu Deutschland, ne.“

Wenn…

…die Freundin, deren schiefes Lächeln ich vielleicht langsam mit etwas anderen Augen sehe, an diesem Abend über den Tisch voller Gläser schaut und durch die Musik hindurch einen Deutschen fragt: „Wo kommst du denn eigentlich her? Nein, also wirklich?“

Wenn…

…der, dessen kleine Aufmerksamkeiten mein Herz stets zum Höher-, Weiter-, Schnellerschlagen bringen, plötzlich lachend davon erzählt, dass „dieser Typ zwei Straßen weiter endlich wieder ‚nach Hause‘ geschickt wurde.“

 

Wie soll man mit den Leuten reden?
Mit Zweifeln, Angst und Schmetterlingen im Bauch?

Ich weiß ja, es ist oft nicht bös gemeint, nur Unsicherheit, Angst, Missverstehen. Doch…

will mir vor dem Nachbarn das Bier aus der Hand fallen,
weil sein Unterton so viel Abneigung zeigt;
klappt mir die Kinnlade runter, wenn meine Oma sich auf Sarrazin beruft;
am Familienkaffeetisch ersteche ich die Torte mit der Gabel – weil alles andere so schrecklich drastisch wäre – und ein oder zwei Schmetterlinge zerplatzen vor Schreck, als ich diese schief-gelächelte Frage höre.

Nur: Wie soll man mit den Leuten reden?

Wieviel Wut soll ich zeigen?
Wieviel Streit halten die anderen aus? Und – ich?
Darf ich die Leute weiter gernhaben?
Fange ich selber an zu hassen?
Will ich allen den Moment verderben, kann ich überhaupt etwas erreichen;
weiß ich genug, kenne ich genug Fakten,
komme ich gegen festgefahrene Meinungen an; wie kann ich Argumente gegen Argumente finden, die jeder Logik entbehren – sich aber nicht logisch entkräften lassen?
Hab ich genug Kraft und Zeit und will ich überhaupt, kann ich denn die Sachen auch so stehenlassen, teilen wir uns jetzt in zwei Lager, weil ich anders denke als du? Kann das denn sein, dass du mich so wütend machst und bist und wir uns jetzt anschreien und…

Und dann denke ich an diesen anderen Menschen, der neben mir gestanden hat. Der kein Bier hat fallen lassen, der nicht entgeistert starrte, keine Torten erstach und auf die Frage, die er hörte, selbst gelächelt hat. Der erst geatmet hat. Und dann zugehört, vielleicht nachgefragt;
der geatmet hat und dann manchmal einfach nichts gesagt, oder viele kleine Worte über lange Zeit verstreute oder manchmal später in einem ruhigen Moment nur ein einziges Wort fallen ließ;
der nicht jede Diskussion gewann, der nicht immer eine Antwort hatte, sie aber gab, wenn er konnte. Der sich geärgert hat. Aber nicht die Wut hat sprechen lassen. Der zuerst durchgeatmet hat und dann manchmal die Leute einfach reden ließ.

Ich sehe in dieses Gesicht, das ich so wenig kenne und stelle mir wieder diese Frage: Wie soll man mit den Leuten reden?
Ich sehe in dein Gesicht, das ich so gut kenne und stelle mir wieder diese Frage: Wie soll man mit den Leuten reden?
Voll Ohnmacht, Angst und Wut im… Nein.

Ich sehe in dein Gesicht, das ich so gut kenne und das mich eben so wutverzerrt angestarrt hat. Die Wut hängt noch im Raum. Nur unser Atem ist zu hören. Aber dich kann ich erreichen.
„Sehen wir uns morgen wieder?“ Atmen. Nicken. „Reden wir dann nochmal drüber?“ Atmen. Nicken. „Ok.“

 

– Lea