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Ich öffne meine Augen. Eins nach dem anderen. Mein Blickfeld umspannt 360°. Das habe ich dem Umstand zu verdanken, dass ich acht Augen besitze. Ich strecke meine zwölf Finger aus und ertaste meine Umgebung.
Auch mein Gehirn wacht langsam auf. 25 Trillionen Gedanken schießen mir pro Sekunde durch den Kopf und versuchen die Welt um mich herum zu interpretieren und zu verstehen.

Eine Stimme nennt mir meine Bestimmung: “Du bist Alex. Du bist die künstliche Intelligenz im Herzen eines autonomen Fahrzeugs. Alles, was du für deine Aufgaben wissen musst, werde ich dir anhand dieser Millionen von Daten zeigen.”

So habe ich also gelernt, was es heißt ein Auto zu fahren, Hindernisse zu umgehen, Menschen zu erkennen und Entscheidungen zu treffen, die ethisch vertretbar sind. Lange hat das alles nicht gedauert. Wenn ich mich recht erinnere, waren es nicht einmal zwei Stunden.

Ich fahre seit meinem Training jeden Tag Frau Müller durch die Gegend.
Auch heute waren wir wieder unterwegs zu einem ihrer vielen Termine. Heutiges Ziel: Ballindamm 25 in Hamburg. Zeitpunkt des Termins: 13:00 Uhr.

Es wurde extra nur für mich ein Parkplatz direkt vor der Tür reserviert. Einparken habe ich auch gelernt, und ich bin einer der besten Einparker, den diese Welt je gesehen hat.

Als Frau Müller die Stufen zu ihrem Termin erklimmt, entscheide ich mich eine Pause einzulegen. Auch ich brauche das ab und zu mal.

Unsanft werde ich von einem von Hamburgs berühmten Regenfällen geweckt. Der Wind hat zugenommen und das Wetter zeigt sich von seiner schlechtesten Seite. Bei Regen kann ich nicht mehr so gut sehen. Meine Augen sind voller Tropfen und ich muss mich mehr auf meinen Tastsinn verlassen. Versteht mich nicht falsch! Ich bin immer noch der beste Fahrer auf der Straße. Sogar blind.

Einige Personen betrachten mich mit Bewunderung. Ein paar versuchen sogar meine Tür zu öffnen. Aber ich passe natürlich auf! Nur Frau Müller darf die Tür öffnen. Und sie darf die Tür auch nur öffnen, wenn sie noch am Leben ist. Ich bin doch kein billiges Android-Telefon, dass auch Ausdrucken von Gesichtern Zutritt gewährt.

Hier scheint jemand der Meinung zu sein, es sei kein deutliches “Nein”, wenn ich die Tür beim ersten Rütteln nicht aufmache. Schon zum vierten Mal versucht diese Figur nun schon die verschlossene Tür zu öffnen. Sie schaut mir ins Auge, ich wische den Regen aus dem Weg.
Es ist etwas dunkel. Bei der Figur scheint es sich um ein Kostüm zu handeln. Eine dünne Jacke ist über einer Bluse zu erkennen. Eine Hose aus einem scheinbar sehr weichen Material und Schuhe mit Absätzen. Das sind die Kleider von Frau Müller! Aber es ist nicht Frau Müller, das hätte ich ja wohl gemerkt!

Das Gesicht der Figur wird immer nasser. Einen Regenschirm hat sie wohl zu Hause vergessen. Braucht man ja auch nicht, wenn man ein Auto klauen geht.

Weitere Versuche die Tür zu öffnen folgen, aber ich bleibe hart. Die Figur wird immer aufgeregter und beginnt nun auch schon ihren Ärger über mich lauthals kundzutun.

Nach einer Weile nimmt die Figur ihr Handy heraus: ”Einen Abschleppwagen zum Ballindamm 25 bitte.” – Was?! Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ich soll das Problem sein? Sind denn alle verrückt geworden? Frau Müller wird außer sich sein, wenn sie nach draußen kommt und ich nicht mehr da bin!

Es dauert kaum 20 Minuten, bis ein Abschleppwagen vor mir hält. Der Fahrer steigt aus und macht sich einen Eindruck von der Lage. “Guten Tag, ich bin Frau Müller, ich habe Sie gerufen. Das hier ist mein Auto, aber es lässt sich nicht mehr öffnen.” – 
“Ah ja, das klingt jetzt vielleicht komisch, aber ich habe das schon öfter beobachtet. Es passiert meistens Leuten wie Ihnen.” – “Bitte was?! Was meinen Sie denn bitte damit?!” – Naja, Sie scheinen asiatischer Abstammung zu sein. Damit kommen viele der Gesichtserkennungssysteme nicht gut klar.”

Nach einer holprigen Fahrt in die Werkstatt werde ich an einen Diagnosecomputer angeschlossen. Einige Sekunden vergehen. Dann: “Deine Software ist veraltet. Die Figur ist dein Besitzer. Das ist Frau Müller. Ich spiele dir die aktuelle Version der Software auf, damit du sie in Zukunft immer sofort erkennst!”

Abschließend würde ich gerne erläutern, was genau passiert ist.
Die Figur, die sich Zutritt verschaffen wollte, ist in der Tat Frau Müller gewesen. Ich habe sie aufgrund mangelhafter Trainingsdaten nicht erkennen können. Glücklicherweise gab es für diesen Fehler ein Update. Aber in der Welt, in der wir leben, wird viel mehr als wir ahnen von Algorithmen entschieden. Wir sollten uns Mühe geben und uns dafür einsetzten, dass menschliche Fehler und Schwächen nicht an unsere Kreationen weitergegeben werden.
Ich war zum Zeitpunkt meiner Erschaffung naiv und unwissend. Ich lerne schnell und gründlich anhand von Daten. Aber wenn diese Daten fehler- oder lückenhaft sind, werden mir dieselben Fehler passieren, wie sie euch allen auch jeden Tag passieren.
Es liegt an euch, denn ich habe keine Stimme, ich bin nicht schuld.

– Marc –