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Lady L

Am Anfang war ich nur ein Kopf. Mit Schultern zwar, doch insgesamt noch weit davon entfernt, vollständig zu sein. Zu weit für meinen Geschmack. Ich erinnere mich noch gut daran, wie mich die jähe Befürchtung überkam, doch nur eine Büste geworden zu sein. Diese Angst plagte mich mehrere Monate lang. Sie vergiftete meine Gedanken bis hin zu dem Punkt, an dem ich meinen ersten Ausflug, ob der fortwährenden Abwesenheit meines Körpers, als unwiderlegbaren Beweis für mein Büsten-Dasein verstand. Tatsächlich vergingen nach diesem ersten Ausflug noch mehrere Jahre bis ich meinen übrigen Körper erstmals zu Gesicht bekam. Was folgte, war eine langwierige Prozedur aus Errichten, erneutem Zerlegen, Verschiffen und Wiedererrichten – für mich wegen meiner ohnehin vorhandenen Büstenphobie ein echtes Wechselbad der Gefühle. Erst als ich vollständig errichtet war und die mit den pompösen Einweihungszeremonien verbundene öffentliche Aufmerksamkeit langsam abebbte, konnte ich mich von meiner Angst lösen und mich mit meinem künftigen Lebensraum beschäftigen. Ich stand auf einer kleinen Insel und überblickte eine große Meeresbucht. Dass ich am Ufer eines Meeres stand entnahm ich den großen Schiffen, die täglich hier vorbeikamen. Außerdem konnte ich von meinem neuen Platz aus den Sonnenaufgang beobachten – ich schaute folglich in südöstliche Richtung. Es war einfach, sich hier einzuleben – die Seefahrer erfreuten sich meines Anblicks und besangen meine kupferfarbene Haut. Alle paar Wochen feierten die Menschen meine Ankunft – ich wurde gemalt, später fotografiert und wie ein Wahrzeichen behandelt. Lange Zeit fühlte ich mich wie der Mittelpunkt der Welt. Es sollten mehrere Jahrzehnte vergehen, ehe sich wieder Zweifel an meinem perfekten Leben regten. Es war ein Wintertag wie viele Wintertage zuvor, an dem ich ins Stocken geriet. Ich wurde bejubelt und belagert, mein Wahrzeichen-Status schien gefestigter denn je, und dennoch konnte ich mich an diesem Tag nicht auf meine ewige Pose konzentrieren. Denn an diesem Tag hörte ich die Welt hinter mir. Ein Gefühl, ganz ähnlich der Empfindung, die einen innehalten lässt wenn ein schwerer Regensturm unvermittelt abreißt, machte sich breit in mir. Alles andere erschien mir in diesem Augenblick gedämpft – ich hörte nur noch die tausenden Geräusche hinter mir: Motoren, Gespräche, Hupen, Züge, Lachen, Kinderweinen, Klingeln, Fluchen, Musik, Glockenleuten, Sirenen. Wie konnte ich diese rege Geräuschkulisse so viele Jahre lang überhören? Meine Bemühungen, einen Blick auf das Szenario hinter mir zu werfen, waren vergebens – ich war gerade so aufgestellt worden, dass ich mit dem Rücken zur Stadt stand. Fortan verbrachte ich die Tage damit, den Seefahrern und Touristen zuzuhören, die über die Stadt sprachen. Nachts schloss ich die Augen, lauschte dem urbanen Ensemble und versuchte mir die Metropole auszumalen, die es verursachte. So vergingen weitere Jahrzehnte. Bis heute. Kurz nachdem das letzte Touristenboot von meiner Insel abgelegt hatte, ließ ich die Tabula Ansata fallen. Jene symbolische Requisite, die ich vom ersten Tag an stolz war zu tragen – viel bedeutsamer als die alte Fackel in meiner Rechten, war mir einfach aus der Hand gefallen. Eine Weile, die sich anfühlte wie mehrere Wochen, starrte ich zu Boden. Ich beugte mich hinab, sammelte die Tabula Ansata wieder auf und erst dann wurde mir klar, was gerade geschah. Ich war so sehr mit der Stadt hinter mir beschäftigt gewesen, dass ich beinahe die 12 Stunden Freigang verpasst hätte, die Statuen meines Grades alle 120 Jahre zugestanden werden. Tatsächlich hatte ich den Freigang über die Geräusche hinweg komplett vergessen. Das war meine Chance! Langsam und mit vor Aufregung zitternden Händen drehte ich mich um. So sah ich New York zum ersten mal. Die monumentalen Gebäude, die mich um ein vielfaches überragten und hell die Nacht erleuchteten. All die Menschen in ihren Wohnungen, die Autos und Züge. Ich hatte 12 Stunden Zeit um diese Stadt zu erkunden. Mein ungewöhnliches Erscheinungsbild machte mir keine Sorgen. Über die Jahre hatte auf etlichen Plakaten Geschöpfe durch New York wandeln sehen, die in vielerlei Hinsicht monströser gewesen waren als ich. Ich stieg von meinem Podest und ging in Richtung Ufer. Doch dann hielt ich inne. Die Regeln besagten, dass ich in 12 Stunden wieder hier sein musste – eine Nacht, alle 120 Jahre, das war der Deal. Wenn ich durch die Stadt ginge, würde das für viel Aufsehen sorgen. Ich würde belagert und gefilmt, fotografiert und vielleicht sogar eingesperrt werden. Trubel um meine Person hatte ich schon an jedem anderen Tag. Alles, was ich wollte, war, die Stadt anzusehen. Ich zögerte nur kurz. Dann ging ich zurück zu meinem Podest, ließ mich auf dessen Kante nieder und legte meine Fackel und die Tabula Ansata neben mir ab. Ich würde meine 12 Stunden nutzen, um einfach nur zuzusehen. Ich würde die Geräusche mit Bildern verbinden und mir die nächsten 120 Jahre endlich vorstellen können, was ich da höre. Unbemerkt beobachtete ich die schlafende Stadt, Stunde um Stunde verging und als die ersten Sonnenstrahlen auf meine mittlerweile grüne Haut fielen stand ich schon wieder da. Erstarrt und als wäre nichts gewesen, scheinbar unverändert. Doch hatte sich für mich einiges geändert: Seit diesem Morgen stehe ich da, erstarkt in meiner Pose und mit festem Blick aufs offene Meer. Und wann immer mir danach ist schließe ich die Augen und lausche. Dann sehe ich New York vor mir und bin so frei wie ich sein sollte.

– Robin –

Würde ich die Welt regieren

Würde ich die Welt regieren
dann wären wir alle gleich
ich würde Regeln etablieren
für arm so, wie für reich

Würde ich die Welt regieren,
dann gäb’ es gar kein Geld
Ich würde alles reduzieren
auf das, was wirklich zählt

Denn würde ich die Welt regieren,
würden die Menschen nicht mehr streiten
würden die Menschen nicht verdrehen
würdest du nicht mehr so leiden
würde ich nicht mehr zusehen

Würde ich die Welt regieren.

– Robin –

Das Argument

Hinter schweren Eichentüren,
jenseits von Wänden aus Beton,
Unter dicken Marmorböden
versiegelt in einen Kokon

aus Panzerglas in einem Raum
in dem nur eine Fackel brennt
liegt wie aus einem finsteren Traum
in seinem Sarg

Das Argument

Holz splittert, Fenster bersten, Balken brechen, Mauern zerreißen in tausende Steine, die auf dem Gehweg zerplatzen wie Seifenblasen. Ein Regen aus Bauschutt und ein Sturm aus Metall schlagen ineinander ein, ringen kurz und werden eins: Ein Tornado, der brüllend im bröckelnden Boden versinkt und alles mit sich reißt, was nicht ohnehin schon zerfetzt und verteilt wurde. Dazu ein Geräusch, das so tonnenschwer ist, dass es selbst zu Boden zu fallen scheint. Das bleierne Echo einer Supernova. Dann absolute Stille.

Ich starre mit offenem Mund in ein erschreckend großes Loch im Gebäude meiner Weltanschauung. Neben dem superflachen “Bungalow für Wortwitz” und der “Schwimmhalle für überflüssiges Faktenwissen” zählt die “Weltanschauung” zu den größten und widerstandsfähigsten Bauwerken am Hippocampus meines Gehirns. Sie zählt auch zu meinen liebsten. Die andauernden Bauarbeiten, während derer ganze Gebäudeteile abgerissen und andere neu aufgebaut werden, verleihen der Weltanschauung einen organischen Charme. Tatsächlich scheint das Baugerüst selbst mittlerweile mit dem Komplex verwachsen zu sein; wie ein tragendes Exoskelett. Doch auch dieses Exoskelett konnte den wunderlichen Bau an diesem Tag nicht schützen.

Etwas war im Stile einer galaktischen Abrissbirne in die Fassade der Weltanschauung eingeschlagen, hatte auf seinem abwärts gerichteten Weg gleich mehrere Geschosse zerstört und war nun irgendwo im Keller zum Erliegen gekommen. Um mich herum rieseln staubgewordene Wortfetzen und wortgewordene Staubfetzen gleichermaßen zu Boden. Sie ergeben keinen Sinn. Ein dumpfer Tinnitus kündigt die Rückkehr meines Hörvermögens an, als die durchbohrten Gebäudeteile vor mir zusammenstürzen. Zurück bleibt eine Schneise, die die Weltanschauung in zwei ungleiche Teile spaltet. Noch etwas benommen beginne ich, mich durch die Trümmer in Richtung Keller zu wühlen. Was vermochte auf so unspektakuläre Weise einen solchen Schaden anzurichten?

Erste Hinweise auf die Identität der Abrissbirne liefern mir die verbogenen Überreste von Statements, die beim Durchgang der Birne durch die Mauern abgerissen worden sein mussten. Diese Satzteile sind überwiegend von erklärendem oder schlussfolgerndem Charakter und als solche leicht von der Bausubstanz meiner Weltanschauung zu unterscheiden. Leider waren sie beim Aufprall anscheinend in alle Himmelsrichtungen verstreut worden, denn die Argumente und Implikationen, die hier dicht an dicht lagen, konnten unmöglich zueinander gehören. Oder etwa doch? Stichprobenartig wähle ich zwei Trümmer aus und inspiziere sie: Muslim und unqualifiziert. Ich verharre kurz und versuche, möglichst frei zu assoziieren: „Ein Muslim ist dafür unqualifiziert, sich Buddhist oder Christ zu nennen. – Irgendwie dumm,“ denke ich. „Aber welche andere Qualifikation könnte jedem Muslim fehlen? Da kommen doch nur Dinge infrage, die explizit den Glauben betreffen, es sei denn… Ein Muslim ist dafür unqualifiziert, mehrere Stunden unter Wasser oder ungeschützt im Weltall zu verbringen!“ – Die initiale Begeisterung, die mir bei diesem Einfall ein “Aha-So-Ist-Das-Vielleicht”-Grinsen ins Gesicht gezaubert hatte, verpufft quasi instantan wieder. Die ernüchternde Einsicht, dass dies eine tautologische Sackgasse ist, verzerrt das Grinsen zu einer peinlich berührten Grimasse. So ein Unfug. Ich fühle mich in der Annahme bestärkt, dass die Satzteile unrekonstruierbar verstreut wurden und mache mich daran, meinen Weg durch den Schutt wiederaufzunehmen. Die Unmöglichkeit, aus den Trümmern irgendwelche Schlüsse zu ziehen, schürt meine Neugier und treibt mich an. Unterwegs erfasse ich hin und wieder unfreiwillig die Semantik einiger Trümmer: “eigene Schuld”, “wir”, “Mittelmeer”, “kulturelle Auslöschung”, “Arbeitsmarkt”, “Geburtenrate”, “aber” – ziemlich oft “aber”. Tatsächlich ist es mir nicht einmal möglich, einen bestimmten Kontext als “den wahrscheinlichsten” einzuordnen: Zwischen Reisebroschüre, Wirtschaftspaper und Geschichtsbuch scheint alles möglich zu sein. Wer hat denn so viel Ahnung von all diesen Themen um mit solcher Gewalt meine Weltanschauung zu demolieren? Ungehalten schiebe ich die letzten Trümmer zwischen mir und dem Loch im Boden beiseite und klettere über ein paar größere Mauerstücke und ehemalige Möbel hinab. Glücklicherweise war das Dach über mir infolge der wenig zaghaften Penetration der Birne schon längst vollständig eingestürzt. So war auch der Keller hell erleuchtet und ich konnte problemlos erkennen, was da inmitten von morphemisierter Sprache im Boden meines Kellers steckte: Das Argument.

Ein kantiges, verdrehtes Objekt, das vielerorts verbeult bis hin zu aufgeplatzt ist und von dem es mir ohne die entsprechende Beschriftung in vergilbter Fraktur unmöglich gewesen wäre, es zu identifizieren. Aus manchen der zahllosen Risse in der Außenhaut des Konstrukts tropfen zähe Flüssigkeiten; aus anderen rieseln pulver- und granulatartige Substanzen. Insgesamt scheinen die Komponenten des Arguments einzig den verbrauchten Charakter gemein zu haben. Als wäre dieser bizarre Anblick für sich gesehen nicht schon verstörend genug, fällt mir beim Nähertreten etwas auf, das mir einen Schauer über den Rücken jagt: Der Schriftzug wurde stellenweise lieblos über feine Strukturen drüber gepinselt und die Kanten vieler aufgeplatzter Bereiche waren bereits von Rost besetzt. Das plumpe Label sowie viele der Beulen und Risse scheinen dem Konstrukt also schon vor seinem Einschlag in meine Weltanschauung zugefügt worden zu sein. Das, was hier vor mir lag, war das Ergebnis gezielter Verstümmelung! Irgendjemand hatte vor langer Zeit angefangen, eine ehemals gesunde Äußerung auf grobe Weise zu verbiegen, zu verdrehen und sogar aufzureißen. Diese Abrissbirne war nicht nur durch ihre desintegrierende Wirkung auf meinen Hippocampus gefährlich, sondern insbesondere auch durch ihre Herkunft. Binnen von Sekunden werfe ich das Standardprotokoll zum Umgang mit Naturkatastrophen über den Haufen und beschließe, das Argument im Zentrum meiner Weltanschauung zu konservieren, anstatt es zu entsorgen. Denn trotz seiner verheerenden Auswirkungen ist das Argument nur ein Symptom einer noch viel verheerenderen, vollwertigen Krankheit.

Und so erhielt der Rassismus seinen Platz am Hippocampus meines Gehirns.

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Hinter schweren Eichentüren,
jenseits von Wänden aus Beton,
Unter dicken Marmorböden
versiegelt in einen Kokon

aus Panzerglas in einem Raum
an jedem Tag, zu jeder Stund’
liegt er wie aus ‘nem finsteren Traum
mahnend dem Argument zu Grund’

Denn während ich so bau’ in meinem Kopf
und heiter Wert um Wert reinstopf’
ist die Welt da draußen krank
und man steckt sich schneller an
als einem lieb ist – oder dann:
als einem früher mal lieb war

 

– Robin –