Category Archives: Klaudia

Richter und Henker

Sich lieben
in einer Zeit
in der Menschen einander töten
mit immer besseren Waffen
und einander verhungern lassen
Und wissen
dass man wenig dagegen tun kann
und versuchen nicht stumpf zu werden
Und doch
sich lieben

… schrieb einst Erich Fried*

Liebe, Mitleid, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit.
Unsere christlichen Werte
schreiben wir auf unsere Fahnen.
Ein Glück haben wir sie.

Wo ist die Liebe?
Frage ich mich.
Und frage auch euch.
In unserem toleranten Abendland.
Dem Land der Dichter und Denker,
dem Land von Schiller und Lessing,
dem Land der christlich-jüdischen Tradition.

Wo ist das Mitleid?
Frage ich mich.
Und frage auch euch.
In unseren Städten,
in denen wieder die Nazis marschieren.

Früher im Gleichschritt
„Klack klack klack klack“
Machten ihre Stiefel
Heute im Gleichklang
„Flüchtlinge raus Flüchtlinge raus Flüchtlinge raus!“

… Das wird man ja wohl noch sagen dürfen …

Wo ist die Barmherzigkeit?
Frage ich mich.
Und frage auch euch.
Auf unseren Straßen,
in denen Container stehen,
von Menschen bewohnt,
die dem Tod ins Auge sah’n,
die durch Kugelhagel liefen,
die fast verdurstet wären.
Die zu Fuß Länder durchquerten
auf der Suche
nach einem bloß:
Einem menschenwürdigen Leben.

Wo ist die Gerechtigkeit?
Frage ich mich.
Und frage auch euch.
In unseren Herzen,
mit denen wir spüren,
dass die Frau mit Kopftuch
Angst hat
und den Blick senkt,
als sie die Männergruppe passiert.

Ein Land der Dichter und Denker?
Das Land der Richter und Henker!

Was wissen wir schon von Krieg?

KRIEG KRIEG KRIEG

Ein unangenehmes Wort.
Wir kennen es aus Schulbüchern.
Schwarz-weiß die Bilder,
so lang ist es schon her.
Das gab es früher,
das haben unsere Urgroßeltern gemacht.
Heute haben wir keinen Krieg.

Der Mensch hat sich weiterentwickelt.
Der Mensch hat Pakte geschlossen,
Bündnisse gegründet,
Gesetze erlassen,
die Krieg verhindern.

Denn wir wissen nun:
Töten ist scheiße.
Das haben wir in der Oberstufe gelernt.
Verdun, Stalingrad, der Holocaust.
Töten um des Tötens Willen,
das ist sinnlos.

KRIEG KRIEG KRIEG

Ein unangenehmes Wort.
Das gab es früher.
Heute machen wir das nicht.

Rheinmetall
Airbus Group
Heckler & Koch
Krauss-Maffei Wegmann
Diehl-Defense
ThyssenKrupp.
Deutsche und westeuropäische Rüstungskonzerne,
geschätzter Jahresumsatz:
Über 90 Milliarden US Dollar.
Googelt das mal,
es lohnt sich.

Krieg
Das gab es früher.
Heute machen wir das nicht.
Nicht bei uns.
Das haben wir gelernt.

Ein Land der Dichter und Denker?
Das Land der Richter und Henker!

FLUCHT FLUCHT FLUCHT

Was wissen wir schon von Flucht?
Ein lästiges Wort.
Das gibt es hier nicht.
Das gab es früher.
Unsere Urgroßeltern mussten fliehen.
Heute machen wir das nicht.

Was ist Flucht
Frage ich mich
Und frage auch euch

Wie fühlt es sich an
sein Haus
seine Straße
seine Stadt
sein Land
verlassen zu müssen
aus Angst
vor Hunger
vor Granaten
vor bewaffneten Männern
vor dem Tod?

Wie fühlt es sich an
tausend Kilometer zu laufen?
Ohne Gewissheit, jemals anzukommen.
Wie fühlt es sich an
allein in einem Land zu sein, dass man nicht kennt?
In dem alles fremd ist
die Sprache
die Kultur
das Essen
die Menschen.
Wie fühlt es sich an
ein Flüchtender zu sein?

Sie kommen aus Spaß?
Sie kommen um unsere Sozialkassen zu leeren?
Sie kommen, weil sie die nächsten 40 Jahre auf Hartz 4 hoffen?
Sie kommen, weil sie unsere Frauen vergewaltigen wollen?
Sie kommen, weil sie grad‘ nichts anderes zu tun haben?
Weil Flucht ein Klacks ist?
Ganz einfach?
No Problem?

Menschen riskieren ihr Leben
auf der Flucht.
Sie steigen in ein Gummiboot.
Sie überqueren Meere und Kontinente.
Sie kommen aus Spaß?

Wie fühlt es sich an
fliehen zu müssen?
Frage ich mich
und frage auch euch.
Aus Angst
vor Hunger
vor Granaten
vor bewaffneten Männern
vor dem Tod.

Nehmen wir uns einen Augenblick
oder auch zwei
und stellen uns das vor…
Wie fühlt es sich an
fliehen zu müssen?

Du weißt auch,
dass die Fluchtursachen bekämpft werden müssen
und nicht die Menschen?
Du willst auch nicht,
dass im Süden die Meere leergefischt werden?
Du willst auch nicht,
dass billiges Hähnchen nach Afrika verkauft wird?
Du willst auch nicht,
dass unsere Waffen Kriege aufrechterhalten?
Du willst auch nicht,
dass unser Luxus der Untergang der anderen ist?

Dann wähle die richtige Partei
– Aber das System lässt es nicht zu –
höre ich dich schon sagen
Dann ändere das System!
Dann ändere das System!
Dann ändere das System!

 

Einst schrieb Erich Fried*:

Sich lieben
und einander verhungern lassen
Sich lieben und wissen
dass man wenig dagegen tun kann
Sich lieben
und mit der Zeit
einander töten
Und doch sich lieben
mit immer besseren Waffen

– Klaudia Rychter –

 

(*) zitiert aus dem Gedicht „Durcheinander“ von Erich Fried (um 1980), in: Liebesgedichte