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Wolf du hast die Gans gestohlen

„Sie klauen uns das Futter!“ rufst du empört. Du bist total aufgebracht, weil sich dein Leben jetzt merklich verändert. Bei einer Versammlung aller Tiere im Wald hast du dich mit einigen gleichgesinnten Tieren zusammengerottet und willst deinem Unmut freien Lauf lassen. Du bist ein Fuchs, und du wohnst schon sehr lange in diesem Wald. Schon so lange, dass es dir gerade jetzt eigentlich am liebsten wäre, wenn sich hier überhaupt nichts verändert. Du hast deinen ruhigen Fuchsbau für dich allein und hast die weiten Felder, auf denen du herumstreifen kannst. Täglich versucht du den Hasen zu fangen, der sich gerade ein Rennen mit dem Igel liefert und besuchst du den Biber, den Specht und den Dachs – man kennt sich.

Doch seit einiger Zeit ist alles anders. Denn jetzt sind plötzlich auch Wölfe im Wald. Wölfe, die anders aussehen und irgendwie fremd sind – irgendwie… komisch sind. Wölfe, die aus ihrem Wald flüchten mussten. „Na und?“ denkst du dir, „Das ist doch kein Grund, dass die jetzt alle hierher kommen müssen“. Denn du willst gar nicht, dass der Wolf jetzt auch in deinem Wald wohnt. Deswegen bist du auch zur großen Versammlung des Waldes gegangen. Denn du hast Angst. Angst, dass der Wald und alles, was zum ihm gehört, kaputtgeht.

Ganz vorne auf der Lichtung hat sich die Bärenmutter mit ihrem Kabinett auf einem alten Baumstumpf angesiedelt, um sich Gehör zu verschaffen. „Wir schaffen das!“ ruft sie, um die aufgebrachten Tiere zu beruhigen. „Wir müssen lernen die Wölfe zu akzeptieren! Das Volk ist jeder, der in diesem Wald lebt!“

„Wir akzeptieren doch den Wolf. Wir wollen den Wolf aber nicht als Nachbar haben“, ruft ein aufgebrachtes Wildschwein ihr zu. „Die bringen nur mehr Kriminalität in den Wald. Wo waren denn die Wölfe, als Frau Gans entführt wurde?“ rufst du. „Der Jäger ist schon die ganze Zeit hinter mir her. Diesmal war ich‘s nicht!“ – „Und wo ist eigentlich das Rotkäppchen?“ ruft die Maus. Jemand ergänzt: „Das sind doch alles junge unbegleitete Wölfe, die zu uns kommen. Mittlerweile kann man nicht mehr alleine aus seiner eigenen Höhle gehen, ohne Angst haben zu müssen.“ – „Wer das HALT an unserer Waldgrenze nicht akzeptiert, der ist ein Angreifer. Und gegen Angriffe müssen wir uns verteidigen“, ruft ein Storch aus der rechten Ecke der Lichtung.

Mitten aus dem Radau der Tiere meldet sich die Eule. Sie holt einen kräftigen Flügelschlag aus und setzt sich vorne auf den Baumstumpf. Du kannst die Eule nicht ausstehen. Die weiß immer alles besser und wird bei wichtigen Angelegenheiten immer zuerst gefragt.

„Wir sollten alle mal die Ruhe bewahren“, beginnt sie. „Ihr tretet hier ein gegen Wölfe. Und warum? – Das wisst ihr selbst auch nicht so genau. Es ist mir peinlich, wenn ich neuen Wölfen in diesem Wald erklären muss, warum hier so manches Freiwild an einer schwer heilbaren Krankheit namens Faschismus leidet. Ich werde euch nicht sagen, was ihr zu denken habt. Ich bitte euch: Informiert euch über das, was ihr sagt. Sprecht mit den Wölfen aus unserem Wald. Denn am Ende wollen wir doch alle das gleiche. Dass es unserem Wald und den Tieren, die darin leben, besser geht, oder nicht?“

Doch du hörst gar nicht hin. Du drehst dich nur um, gehst und singst dein Lied:

“Wolf du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her, gib sie wieder her, sonst wird dich der Jäger holen mit dem Schießgewehr, sonst wird dich der Jäger holen mit dem Schießgewehr.” *

– Lennart –

 

* frei nach Ernst Anschütz: Musikalisches Schulgesangbuch. Heft 1. Reclam, Leipzig 1824, S. 38