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Ich tanz mit meiner

Ich hab mich in meinem Leben viel mit meiner Vulva beschäftigt.

Ja, ein paar fragen sich jetzt: “Hä, wie kann man sich den viel mit seiner Vulva beschäftigen? Und warum die Vulva und nicht das Knie und warum sagt die immer so geschwollen Vulva?!” (jedes Mal an dieser Stelle feier ich mich für die Wörter “geschwollen” und “Vulva” in einem Satz ohne sexuellen Bezug #selbsthighfive)

Andere denken “Was zur Hölle ist denn ein Vulva?”

Und DAS ist eine sehr gute Frage!

Ich hab das mal mit meinen Freunden eruiert, was ein Vulva so sein könnte:
Der neue VW Vulva Double Penetration Jeep mit Allradantrieb, zum Beispiel… oder

“Eyy hieß nicht eine Prinzessin bei Dragon Ball so?” Nee, aber wär geil gewesen! Kamehameee haaaaaaa!!

Ja, also die Vulva ist das äußere Geschlechtsteil der Frau. Also alles, was man so von außen sehen kann.

Spätestens jetzt denken viele wahrscheinlich: “Aha, die Alte masturbiert also einfach richtig viel.”

Jaaaein… also auch! Aber das meinte ich auch nicht.

Ich hab einfach eine seehr große Vulva aus Pappe gebaut und bin damit am Christopher Street Day durch Hamburg gelaufen. Also ich hatte die so auf den Rücken geschnallt und sah aus wie ein riesen TeenageVulvaTurtle, und dann bin ich losmarschiert. Und was ich dabei erlebt habe, erzählt euch dieser Text:

Ich tanz mit meiner – oder Die deren Name nicht genannt werden darf

Ich tanze mit meiner Vulva durch die Straßen

und dir fällt nicht nur die Kinnlade runter, sondern auch der Kaffeebecher aus der Hand.

Du hast sie schon so oft geseh‘n, allein zuhause, im Internet bei „Geile MILF-Fotzen 5.“ Aber da war sie klein und willig.

Heute hier und jetzt bin ich die einzige Frau, zu der du Fotze sagen darfst!

Denn ich tanz mit meiner Fotze durch die Straßen.

Kinder fragen mit großen Augen ihre Mütter, was das auf meinem Rücken sei,

doch die Mütter sehen beschämt weg, anstatt zu erklären, dass

ich mit einer Muschi durch die Straßen tanz!

Und dass sie auch eine haben!

Sie sind stumm,

denn uns fehlen die Worte für den Ursprung unserer Welt!

Viel schlimmer noch: wir schämen uns.

Ich tanz mit meiner Möse durch die Straßen.

Und meine Möse ist wie Voldemort: Die deren Name nicht genannt werden darf!

Wir sagen „da“ und „du weißt schon, wer… äh – wo? Daa… unten…“

Frei nach Hermine sag ich: „Scham vor einem Namen macht nur noch größere Scham vor der Sache selbst.“

Ich tanz mit Schamlippen durch die Straßen.

Doch sie sollten Charme-Lippen heißen!

Denn nichts an unserem Körper sollte mit Scham besetzt sein.

Schon gar nicht der Teil unseres Körpers, der wie kein anderer im Fokus steht und doch so unsichtbar ist!

Ich tanz mit einer Göttin durch die Straßen.

Die uns allen das Leben geschenkt hat.

Und du sagst „Aber es gibt halt einfach kein schönes Wort dafür.“

Aber das stimmt nicht! Wir haben mehr Wörter als für jeden anderen Körperteil,

Also gebt der Kinderkriegerin doch einen Namen!

Ich tanz mit meiner Vulva, Fotze, Muschi, Möse, Göttin, Yoni, Vagina, Pussy, Punani, Mumu durch die Straßen!

Und du tanzt mit deiner.

 

– Vivien –

Schwarze Löcher

Meine Freundin kommt aus Hamburg.

Meine Freundin wurde in Osdorf groß.
Nicht im Villenviertel, im Schatten der Hochhäuser.
Im Brennpunkt, zwischen Drogen, Einsamkeit und zu früh gestorbenen Träumen.
Zwischen Babys in Mülltüten, Selbstmördern auf dem Vordach und Blut im Treppenhaus, von irgendeiner Stecherei.
Dort wo Menschen einsam sterben, und Tage lang verwesen,
Weil sie schwarze Löcher im Herzen tragen.
Keiner, der an sie denkt, niemand sich erinnert in welchem Stock die Wohnung liegt und nur der schrecklich süße Geruch des Zerfalls eine Fährte legt.

Sie trug eine Wunde in ihrem Herzen
Als ihre Mutter weg ging um Heroin zu kaufen.
Als sie im Rausch versuchte die Tür des Kleinkindzimmers einzutreten, um der Oma das Kind zu entreissen.
Die Wunde riss auf, als 4 Männer die Mutter aufhielten und sie nie wieder kam.

Sie war behütet bei ihrer lieben Oma, mit nur einem kleinen Stich im Herzen.
Doch die Oma wurde krank, vergas wer sie war und wer meine Freundin war.
Meine Freundin war 13 und die Wunde begann erneut zu schmerzen.

Die Oma starb und im Innern des Mädchens schnappte eine Sprengfalle zu.
Riss das Fleisch, Blut und Sehnen in zwei.

Die Tante fing das Mädchen nicht auf sondern sprang, in das tiefe Vergessen, das nur der Alkohol ermöglicht.
Und meine Freundin hatte ein Loch im Herzen.
Allein, voll Schmerz und Sehnsucht.
Die Oma, anonym begraben.
Irgendwo auf einer Wiese. Keine Erinnerung, kein Schild.
Unter einem Grashalm unter Tausenden.

Und sie war allein.
Allein zuhause, allein gelassen.
Kein Strom, kein warm Wasser.
Weil Alkohol nicht nur die Seele frisst.
Und sie trägt ein Loch im Herzen.

Doch sie kämpft, sie liebt, sie verliert,
sie schreit, sie geht in die Welt, sie liebt, sie verletzt und wird verletzt.
Sie studiert, sie arbeitet, sie lacht und sie liebt.

Doch sie trägt ein Loch in ihrem Herzen, das vielleicht niemals geschlossen wird.

– Vivien –

I´m Curvy and I know it!

Auf Twitter habe ich einmal folgenden Satz gelesen:

“Wenn du mich nackt siehst, wirst du wissen, du hast einen guten Wal getroffen.”

Damit kann ich mich echt gut identifizieren! Ich trage Kleidergröße 48 und find mich (Spoiler) trotzdem voll in Ordnung.

Nur weil ich mich voll in Ordnung finde, heißt es aber nicht, dass ich keine Unsicherheiten habe, Tage an denen ich Dinge an mir nicht schön finde oder dass mich Blicke Anderer nicht nerven oder verletzen.

Und darum geht es in diesem Text:

2013

Ich wechsle in eine andere Klasse.

Am Bahnhof sagt ein Junge laut zu seinem Freund:
„Die fette Sau geht bald zu uns in die Klasse.“

Als mein Vater mich und eine Freundin vom Zug abholt weine ich im Auto und es ist mir peinlich.

Und dann singt Henning in meinem Kopf:

Du trägst Größe 32, 34, 36?

Und hast doch keine Ahnung was du sagst.

 

2018

Montag 10.15 Uhr

Ich habe ein Seminar „Bilder der Anderen“ Das Seminar widmet sich der Darstellungen von Körpern die von den normativen Körperkonzeptionen ihrer Entstehungszeit abweichen.

Ich bin spät dran und verschlafen, im Unikiosk hol ich mir noch eine Cola um im abgedunkelten Seminarraum die Augen auf zu lassen.

Als ich den Raum betrete bin ich fast die letzte und die einzige mit einem Getränk, dass mehr Zucker enthält als ein bei Mondschein abgefülltes Gurkenwasser.

Das Thema dieser Woche: Dicke

Die Referentin redet über Krankheit und Fetisch und guckt mich an.

Und dann singt Henning in meinem Kopf:

Du trägst Größe 32, 34, 36?

Und hast doch keine Ahnung was du sagst.

 

Mittwoch 13.25 Uhr

Mittagspause: ich sitze mit einer Kollegin auf einer Parkbank.

“Ach ja, und kennst du das? Seit ein paar jahren krieg ich diese 5 Kilo einfach nicht mehr los…”

Ich blicke an mir runter. “Nee, keine Ahnung von was du redest!” *Ironie aus*

Und dann singt Henning in meinem Kopf:

Du trägst Größe 32, 34, 36?

Und hast doch keine Ahnung was du sagst.

 

Donnerstag 17.15 Uhr

Den ganzen Tag Meetings und Workshops.

Ich sitze seit 8 Stunden in einem Stuhl der in meine Oberschenkel schneidet.

“Warum guckst du denn so angespannt?”

Und dann singt Henning in meinem Kopf:

Du trägst Größe 32, 34, 36?

Und hast doch keine Ahnung WER IN DEINEN STÜHLEN SITZEN MUSS!

 

Samstag 11.45 Uhr

Shopping.

ich hab die Auswahl zwischen Bauch-, Beine-, Po-Weg-Hosen oder geblümten Zelten in allen Farben des Regenbogens!

“Also dieses Teil kaschiert ganz toll alle Problemzönchen”

“Das glaub ich nicht, ich kann Sie nämlich immer noch sehen, auch wenn ich das trage”

Und dann singt Henning in meinem Kopf:

Du trägst Größe 32, 34, 36?

Und hast doch keine Ahnung was du sagst.

 

Sonntag 12.45 Uhr

Sauna Wirlpool

Im warmen Wasser schwimmen meine nackten Brüste oben.

Mein Rücken entspannt sich.

Während ich mich mit meiner Freundin unterhalte kommt ein Typ zu uns in den Pool.

Mit den Augen auf meinen Brüsten quatscht er mich an.

Ich schließe entnervt die Augen

Und dann singt Henning in meinem Kopf:

Sie tragen Größe 32, 34, 36?

Und haben doch keine Ahnung wie es ist Hauptdarstellerin in ihrem Kopfsexkino zu sein!

 

– Vivien –

Objektophilie

Ich bin in einem Schullandheim aufgewachsen, das sage ich dazu damit ihr euch das vorstellen könnt, ein seeehr langes, hohes Haus….

Allerdings wohne ich seit inzwischen neun Jahren nicht mehr dort und dementsprechend vermisst man die ein oder andere Sache:

Wir treffen uns wie oft am Hintereingang.

Du lehnst an der Wand, wie immer auf einem Bein und trotzdem fest verankert, reglos.

Ich seh zu dir hoch, du hast dich kaum verändert. Bei deinem Anblick wird mir warm.

Du bist wie immer wortlos. Ich voll Verlangen. Als meine Finger dich berühren wird mir heiß. Ich will deine glatte Kupferhaut überall berühren, verzehre mich nach deinem Kurvenkörper!

Bögen, Bögen, lange Glieder, will meine glühende Haut an deiner kühlen!

 

Es beginnt zu regnen.

 

Ich höre das Trippeln, Knistern, Rauschen: die Lusttropfen auf deinem Rohr.

Leise, lauter, ein stöhnen in den Bäumen, du bist nicht mehr stumm: gurgelst und brummst.

Ich werde feucht. Du bist so erregend!

Meine Hände wandern weiter, umfassen deinen Leib, tastend, erforschend.

Ich finde deine Rostwarzen und küsse grüne Patina.

 

Ich hangel mich an dir empor zur 1. Extase…äh entschuldigung Etage!

Du schwillst an. Ein Rauschen, Ein Brodeln, unter mir erzittert dein Körper

Ich bin nass, mein Schoß kommt vom Regen in die Traufe

Wir sind voll Lust, die Wollust bricht sich Bahn!

Ich umfange dich mit Armen und Beinen, will beim hinab gleiten mein Innerstes an deiner Rinne reiben.

Wir sind im freien Fall (Rohr)

Mit deiner prallen Ladung komme ich zusammen (an) und wir ergießen uns erschöpft auf den Boden.

Schauer ziehen übers Land. Und meine Haut.

Bis zum nächsten Mal.

– Vivien –