Category Archives: Werke Wintersemester 2018-19 – Schriftform

Peace in Progress

Hey

heeey

ärrmm mrrrrmhh m

Also ich, ich habe mehr Fragen mitgebracht, als den Wunsch dir hier etwas zu sagen–

Aber
Aber zuerst muss ich doch sagen:
Ich will hier nicht gegen stehen–

Nicht gegen Nazis, gegen Rassismus, gegen Radikalismus, Hetze, Hass

– sondern

ich will hier für stehen.

Für?!

Für uns.

Weil stehen wir gegen – mal ehrlich, stehen wir uns meistens nur im Weg.

Es ist ein ständiges Gegen, Gegen, Gegen – gegen Nazis, gegen Hass, gegen AFD, gegen Ausländer, gegen Grenzen, gegen – gegen.

und wir dreh’n, wir dreh‘n und wir dreh‘n, wir drehn‘n uns nicht um und wir dreh‘n, wir dreh‘n uns im Kreis und bleiben steh‘n.

Während andere mit Hass für irgendwas aber gegen Menschen und gegen einander steh‘n. Ich stehe hier jetzt Für–

Für– weil ich dich sehen kann und ich frage mich:

Was hat man dir angetan, dass du zu Hassparolen im Gleichschritt einer Masse gehst, die nicht für einander sondern gegen steht?
Und ich frage dich– Was ist dir passiert, dass du darin einen Sinn siehst,

wenn du gegen andere stehst und aufmarschierst?
Ich will das verstehen. Ich will dich verstehen.

Gib mir die Chance einmal durch deine Augen diese Welt hier zu sehen.
Ich frage dich, was würde ich sehen?

Ist es Angst – Wovor?
Ist es Neid – Weshalb?
Ist es Hass – Warum?

Ist es Wut, Trauer, Langeweile, Spaß, Gier–

und ich Frage dich: Schaust du dir ab und zu selbst ins Gesicht und fragst einfach mal dich?

Was ist mir passiert?

Dass ich zu Hassparolen marschier? Zu einem Ausländer- und Fremdenhass tendier, meine–
meine Menschlichkeit verlier?

Ich bin kein Nazi–
klar!

Aber halt nein, muss mein Verhalten in dieser Art sein?

Wir sind nun mal alle grade zufällig, gleichzeitig und irgendwie gemeinsam, ob dick-dünn, grün, schwarz, links, rechts, Frau, ob Mann – wir sind nun mal alle gleichzeitig hier.
Und ich frage dich – wenn wir nur schützen, was wir lieben, warum macht dieses Verhalten andere Kulturen zu Dieben?
Gib du mir die Chance einmal durch deine Augen zu sehen?

Vielleicht fällt uns was ein.

Vielleicht können wir uns und unsere Sorgen verstehen
und wir hören auf gegeneinander zu stehen
und stehen für.

Für,
damit es weitergeht und am Ende ein Wir in dieser einen, unseren Welt steht.

Für,
weil wir– wir sind nun mal alle grade zufällig gleichzeitig und irgendwie gemeinsam hier – und fragst du dich nur ein paarmal: Wer– wer hat mir das hier alles hier gegeben? – würde die Antwort, sei mal ehrlich, doch lauten: Mein Schicksal, ein Zufall, und der war mein großer Segen.

Grenzen im Kopf

Da ragte diese Mauer vor mir in den Himmel,
gesäumt von stacheligem Brombeer-Gestrüpp
Mein Herz schlug schneller vor Neugier,
ich wollte wissen, was sich dahinter verbarg.
Ich schob die Dornenranken beiseite
Und krallte meine Finger in die bröckelige Wand.
„Kehr um!“, rief jemand mahnend hinter mir,
doch meine Abenteuerlust siegte.

Stück für Stück erklomm ich den steinernen Wall,
Er bröckelte und splitterte unter meiner Handfläche.
Endlich glitt mein Blick über den grauen Rand.
Das Land auf der anderen Seite erstreckte sich vor mir.
Aus Spitzdachhäusern leuchteten Lichter.
Ich sah sie zum ersten Mal.
Die Mauer bröckelte weiter, löste sich unter mir auf.
Und ich erwachte aus meinem Traum.

Wir sind eine Welt mit sieben Milliarden Menschen
Verteilt auf sieben Kontinente,
umgeben von sieben Ozeanen.
Wir fliegen um den Erdball, das Internet ist überall.
Kofi aus Ghana schickt mir Fotos von der Strandbar,
Nouman aus Singapur liest meinen Reiseblog,
Cristina aus Santander richtet Weihnachtsgrüße aus.
Entfernung hat keine Bedeutung mehr.

Und doch gibt es überall Grenzen.
Grenzen, die mächtiger sind als alle Mauern der Welt.
Es sind die Grenzen in unserem Kopf.
Erschaffen aus der Furcht vor dem Fremden.
Da ist unsere Angst vor Terror und Gewalt.

Angst vor dem Untergang unserer Identität,
wenn wir unsere schützenden Mauern niederreißen.
Da ist unsere Angst, verwundbar zu sein.
Die Grenzen in uns machen uns unbesiegbar.
An ihnen prallt alles ab, was nicht ins Bild passt.

In der Schule belehrten sie mich,
Rassismus existiere nur in Geschichtsbüchern.
Krieg gebe es nicht mehr bei uns.
Die Zeit des Kolonialismus sei vorbei.
Wir lebten in Europa, friedlich und gerecht.
Doch irgendwann verstand ich es:
Menschen sahen dennoch das Fremde im Menschen.
Rassismus existiert in unseren Köpfen.

Sind wir denn nicht alle total tolerant?

Opa Hans sitzt am Abendbrottisch.
„Ich habe einen Schwarzen Mann gesehen
Eine schöne, blauäugige Blondine im Arm.
Ja ja, so hat er seinen Pass gekriegt.“

Liebe schert sich nicht um Hautfarbe.
Liebe schert sich nicht um Herkunft.
Liebe schert sich nicht um Religion.
Liebe sagt „Es ist, was es ist.“

Sind wir denn nicht alle total tolerant?

Opa Mohammed sitzt am Abendbrottisch.
„Ich habe eine blasse, hellhäutige Frau gesehen,
das Gesicht voller roter Sommersprossen.
ihre nackten Arme waren tätowiert.
So eine sollte mein Sohn niemals heiraten.“

Wir wollen uns und unsere Lieben schützen.
Vor der dem unbekannten Gebiet hinter den Barrieren.
Vor einer Realität, die uns aus der Bahn wirft.
Vor der Zerstörung unserer Weltanschauung.

Sind wir denn nicht alle total tolerant?

Rassismus ist kein Phänomen vergangener Zeiten,
Rassismus existiert da draußen in unseren Straßen
Und ganz besonders in unseren Köpfen,
Irgendwo stoßen wir an unsere inneren Grenzen.

Ich will meine inneren Grenzen überwinden
Mit Neugier und Offenheit für die Welt dahinter.
Mit Faszination für die Vielfalt dieser Erde,                                                                                                                                 Mit Liebe für das, was anders ist als ich,
Mich wie ein Löwenzahn durch grauen Beton zwängen
Und die Mauer in meinem Kopf zum Einstürzen bringen,
mein kleines Denken hinter mir lassen,
meine kleine Welt jeden Tag etwas größer machen.

Vielleicht entdecke ich etwas Neues.
Wenn ich über meine Grenzen spähe.
Einen Menschen, der mein Herz berührt.
Eine Geschichte, die ich bisher nicht kannte.
Eine Erkenntnis, die meine Grenzen durchbricht.

 

– Fabienne Kollien –

Wie es ist in Chemnitz aufzuwachsen

“Unser nächster Halt ist Chemnitz Hauptbahnhof! Ausstieg in Fahrtrichtung links, bitte alle aussteigen.“

Sonntagnacht –
Ich kriege einen Herzinfarkt beim Ertönen der sächsischen Stimme –
18 Jahre bin ich hier aufgewachsen.
Sächsisch verstört mich immer noch –
nicht so sehr wie Pegida-Demonstrationen, aber die Kombination macht’s.

Es ist 23 Uhr –
Totenstille am Bahnhof Chemnitz.
Mein Koffer rollt mit tosendem Lärm über den nagelneuen Boden des Bahnhofs.
Ich entdecke neue Imbissbuden und frage mich, ob es wirklich nötig war, so viel Geld in einen so hässlichen Bahnhof zu stecken.
Dann erinnere ich mich an zwei Holzbänke vor dem Naturkundemuseum, die 65.000 Euro gekostet haben und beschwichtige mich selbst, dass unsere Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig schon wissen wird, was sie da tut.

Dass das gelogen ist, verdränge ich so, wie es alle guten Chemnitzer*innen tun würden:
Mit Alkohol. Viel Alkohol.

○ ○ ○ ○ ○ ○

Auf dem 5-minütigen Heimweg treffe ich dann doch auf menschliche Wesen im verlassenen Chemnitz.
Zwei junge Männer laufen an mir vorbei, und einer von beiden ruft mir zu: „Geile Sau!“
Ich drehe mich um, lächle und zeige routinemäßig meinen Mittelfinger.
Im Weiterlaufen höre ich dann noch ein leises „Kanackenschlampe“.

Willkommen in Chemnitz!

Meine Mutter öffnet mir freudestrahlend die Tür und sagt: „Schön wieder in der Heimat zu sein, oder?“
Ich grinse verlogen und nicke.
Meine Mutter fragt mich, was ich die Tage so vorhätte. Ich erzähle ihr, dass ich wegen der #WirSindMehr-Demonstration hier bin, und meiner Mutter entgleist das Gesicht.

„Ist dir eigentlich klar, dass dieser Mann 200 Meter vor unserer Haustür erstochen wurde!?“
Ich nicke abwesend und packe währenddessen meinen Koffer aus.
„Und überhaupt – wie gefährlich so eine Menschenmasse sein kann!?“
Ich überlege, was ich morgen anziehe und in wie viele Polizeikontrollen ich mit einem komplett schwarzen Outfit geraten würde.

„NIMMST DU MICH ÜBERHAUPT ERNST, WENN ICH MIT DIR REDE!?“
Nun, denke ich mir, nicht ganz so ernst wie unseren Nachbarn Herrn Ernst, der Montag beim Fackellauf immer die Deutschlandflagge schwenkt, wenn er durch den Park der Opfer des Faschismus läuft, aber schon so ein bisschen.

Natürlich sage ich nichts. Ich grinse einfach verlogen und nicke.
Meine Mutter starrt mich an.
Ein bisschen als würde sie sich Sorgen machen.
Ein bisschen als würde sie mich umbringen wollen. –
Aber die Kombination macht’s.

Montagnachmittag – 17 Uhr
Ich stehe auf dem Stefan-Heym-Platz in Chemnitz, und mit mir 65.000 weitere Menschen.
18 Jahre bin ich hier aufgewachsen –
Zwischen Kraftklub, Rentnern und Nazis.
Und ich muss zugeben, ich bin maßlos erstaunt.

Montagnacht – 22 Uhr
Alles ist friedlich verlaufen.
Der einzige REWE in der Innenstadt hat längere Einlass-Schlangen als jeder Club und der einzige offene Dönerimbiss macht den Umsatz des Jahrtausends.
Menschen tanzen auf den Straßen zu Technobeats und schreien lauthals „Nazis raus!“

○ ○ ○ ○ ○ ○

Es wäre schön, wenn jeder Tag in Chemnitz so bunt wäre.
Wenn die Hälfte der Anwesenden nicht wegen eines kostenlosen Konzerts da gewesen wäre, sondern um sich mit uns Chemnitzer*innen zu solidarisieren.
Zu sagen: „Ihr seid nicht allein!“
Nicht, weil der Sänger von Kraftklub das von den Demonstrant*innen erwartet, sondern weil man von Herzen aus solidarisch sein will.

Es wäre schön, wenn man auf meine Heimatstadt nicht nur herabblicken würde.
Wenn man mal einen Blick ins Lokomov oder ins AJZ werfen würde, um bei ein oder vierzehn Bier feministischer Live-Musik zu lauschen.
Wenn man neben Kraftklub, Rentnern und Nazis auch die Jugend sehen würde, die sich tagtäglich für sozialen Wandel einsetzt –
Indem sie Hakenkreuzschmierereien überklebt, Gegendemonstrationen organisiert und füreinander einsteht.

Es sollte mehr Berichte geben über Jugendbanden, die Always Ultra XXL-Binden über sexistische Werbung kleben und Fuck Society auf jede einzelne Binde schreiben.
Mehr Berichte über Toleranztage an Schulen.
Mehr Berichte über braune Luftballons, die in Massen losgelassen werden, um symbolisch das braune Gedankengut aus der Stadt zu verabschieden.

Und vor allem mehr Geld –
Mehr Geld, das in Anti-Diskriminierungsprojekte gesteckt wird.
Und nicht in Holzbänke.

○ ○ ○ ○ ○ ○

Dienstagabend – 17 Uhr
Auf dem Weg zum Bahnhof spricht mich ein junger Mann an.
Ich will ihn genervt ankeifen, den Mittelfinger bereit in meiner Jackentasche.
Aber er sagt nur „Entschuldigung“ und reicht mir lächelnd meinen Schlüssel, der mir aus der Tasche gefallen war.

Ich sitze im Zug auf dem Weg zurück nach Hamburg –
Die Bahnansage ertönt.
Und ich muss zugeben, ich finde es ein wenig schade, dass sie nicht auf Sächsisch ist.

Emi –

Wolf du hast die Gans gestohlen

„Sie klauen uns das Futter!“ rufst du empört. Du bist total aufgebracht, weil sich dein Leben jetzt merklich verändert. Bei einer Versammlung aller Tiere im Wald hast du dich mit einigen gleichgesinnten Tieren zusammengerottet und willst deinem Unmut freien Lauf lassen. Du bist ein Fuchs, und du wohnst schon sehr lange in diesem Wald. Schon so lange, dass es dir gerade jetzt eigentlich am liebsten wäre, wenn sich hier überhaupt nichts verändert. Du hast deinen ruhigen Fuchsbau für dich allein und hast die weiten Felder, auf denen du herumstreifen kannst. Täglich versucht du den Hasen zu fangen, der sich gerade ein Rennen mit dem Igel liefert und besuchst du den Biber, den Specht und den Dachs – man kennt sich.

Doch seit einiger Zeit ist alles anders. Denn jetzt sind plötzlich auch Wölfe im Wald. Wölfe, die anders aussehen und irgendwie fremd sind – irgendwie… komisch sind. Wölfe, die aus ihrem Wald flüchten mussten. „Na und?“ denkst du dir, „Das ist doch kein Grund, dass die jetzt alle hierher kommen müssen“. Denn du willst gar nicht, dass der Wolf jetzt auch in deinem Wald wohnt. Deswegen bist du auch zur großen Versammlung des Waldes gegangen. Denn du hast Angst. Angst, dass der Wald und alles, was zum ihm gehört, kaputtgeht.

Ganz vorne auf der Lichtung hat sich die Bärenmutter mit ihrem Kabinett auf einem alten Baumstumpf angesiedelt, um sich Gehör zu verschaffen. „Wir schaffen das!“ ruft sie, um die aufgebrachten Tiere zu beruhigen. „Wir müssen lernen die Wölfe zu akzeptieren! Das Volk ist jeder, der in diesem Wald lebt!“

„Wir akzeptieren doch den Wolf. Wir wollen den Wolf aber nicht als Nachbar haben“, ruft ein aufgebrachtes Wildschwein ihr zu. „Die bringen nur mehr Kriminalität in den Wald. Wo waren denn die Wölfe, als Frau Gans entführt wurde?“ rufst du. „Der Jäger ist schon die ganze Zeit hinter mir her. Diesmal war ich‘s nicht!“ – „Und wo ist eigentlich das Rotkäppchen?“ ruft die Maus. Jemand ergänzt: „Das sind doch alles junge unbegleitete Wölfe, die zu uns kommen. Mittlerweile kann man nicht mehr alleine aus seiner eigenen Höhle gehen, ohne Angst haben zu müssen.“ – „Wer das HALT an unserer Waldgrenze nicht akzeptiert, der ist ein Angreifer. Und gegen Angriffe müssen wir uns verteidigen“, ruft ein Storch aus der rechten Ecke der Lichtung.

Mitten aus dem Radau der Tiere meldet sich die Eule. Sie holt einen kräftigen Flügelschlag aus und setzt sich vorne auf den Baumstumpf. Du kannst die Eule nicht ausstehen. Die weiß immer alles besser und wird bei wichtigen Angelegenheiten immer zuerst gefragt.

„Wir sollten alle mal die Ruhe bewahren“, beginnt sie. „Ihr tretet hier ein gegen Wölfe. Und warum? – Das wisst ihr selbst auch nicht so genau. Es ist mir peinlich, wenn ich neuen Wölfen in diesem Wald erklären muss, warum hier so manches Freiwild an einer schwer heilbaren Krankheit namens Faschismus leidet. Ich werde euch nicht sagen, was ihr zu denken habt. Ich bitte euch: Informiert euch über das, was ihr sagt. Sprecht mit den Wölfen aus unserem Wald. Denn am Ende wollen wir doch alle das gleiche. Dass es unserem Wald und den Tieren, die darin leben, besser geht, oder nicht?“

Doch du hörst gar nicht hin. Du drehst dich nur um, gehst und singst dein Lied:

“Wolf du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her, gib sie wieder her, sonst wird dich der Jäger holen mit dem Schießgewehr, sonst wird dich der Jäger holen mit dem Schießgewehr.” *

– Lennart –

 

* frei nach Ernst Anschütz: Musikalisches Schulgesangbuch. Heft 1. Reclam, Leipzig 1824, S. 38

 

Woher kommst du?

Woher kommst du eigentlich?
Nein, ich meine, woher kommst du wirklich?
Also, wo kommen deine Eltern her?
Nein, wo kommen die wirklich her? Oder deine Großeltern?
Mann, du hast doch definitiv andere Wurzeln, das sieht man doch!

Woher kommst du?
Warum frage ich so etwas? Warum frage ich ausgerechnet diese Person danach?
Eine Person, der ich auf dem Weg zur Arbeit begegnet bin,
die mich nach dem Weg zur Alster gefragt hat.
Wir haben ein Gespräch angefangen.
Das Thema war Urlaub.

Ich kenne die mir gegenüberstehende Person nicht.
Und trotzdem brennt diese Frage auf meiner Zunge.
Woher kommst du? Ist doch nichts dabei.
Oder?

Wie bin ich auf diese Frage gekommen? Ich bin einfach eine weltoffene Person.
Ich bin neugierig, möchte etwas über andere Leute erfahren und Erfahrungen austauschen.

So bin ich einfach.
Oder möchte ich doch nur irgendwen wieder in eine Schublade packen?
Warum reicht mir die gegebene Antwort nicht? Ich bin richtig wütend geworden.
Die Antwort hat meinen Erwartungen nicht entsprochen. Warum ist sie in meinem Kopf nicht richtig?
Wie kann ich entscheiden, was falsch ist und was wahr? Wer bin ich, um so etwas zu entscheiden?
Was bewirkt diese Antwort in mir, dass ich anfange aggressiv zu werden?

Wem würde ich diese Frage stellen? Was hätte diese Person an sich? Würde es an ihrem Alter oder an ihrer Sprechart liegen?

Einem weißen Mann oder einer weißen Frau würde ich diese Fragen nicht stellen. Warum?
Wieso würde ich einen Unterschied zwischen einer weißen Person und einer Schwarzen Person ziehen, ohne irgendeinen Hintergrund?

Was in einem Menschen würde mich dazu bewegen diese Frage zu stellen?
Warum gehe ich davon aus, dass Personen mit anderer Hautfarbe oder Augenform als meiner, nicht aus dem gleichen Land kommen wie ich? Wieso sehe ich da einen Unterschied?

Was für Einflüsse haben mich so denken lassen? Wie sind diese Fragen überhaupt in meinen Kopf gelangt?
Liegt es an meiner Erziehung? Haben meine Eltern mir irgendetwas mitgegeben, das mich so denken lässt? Wenn auch unabsichtlich?
Haben meine Freunde mich dazu veranlasst? Stellen sie anderen auch manchmal solche Fragen? Woher haben die diese Fragen?

Was für andere Personen denken so wie ich? Sind diese Personen wichtig in den Medien?
Sind es Personen der Öffentlichkeit, die diese Fragen provozieren?

Was heißt denn der Heimatort überhaupt?
Bringt es irgendeiner Person etwas zu wissen, dass ich aus einem kleinen Dorf aus Deutschland bin?
Wo ist der Unterschied zu einem kleinen Dorf in Afghanistan, Honduras oder Äthiopien?
Was bringt mir persönlich diese Antwort?
Würde sich dadurch irgendetwas an dem Menschen für mich ändern?

Wie würde ich mich dabei fühlen?
Ganz ehrlich, ich würde mir ziemlich verarscht vorkommen. Was denkt sich diese Person? Warum ist sie mit der Antwort nicht zufrieden?
Sie kennt mich noch nicht einmal und unterstellt mir, dass ich lüge. Was gibt mein Aussehen her, dass ich nicht daherkomme, woher ich sage.

Was macht das für einen Unterschied, ob ich aus Deutschland, der USA oder Australien komme. Für die fragende Person: Nichts. Die denkt sich ihren Teil, malt sich das Bild, was sie sowieso von vornherein wahrscheinlich schon hatte und ist entweder zufrieden – oder eben nicht.

Aber für diese Person ändert sich nichts.
Aber was bewirkt das für die gefragte Person?

Mit dieser Frage zweifle ich an der anderen Person. Ich zweifle an ihrer Aussage, an ihr und an ihrer kompletten Identität. Durch diese Frage zerbreche ich dieser Person Denken über sich selbst, über ihr Auftreten und ihr Aussehen.
Mit dieser Frage sorge ich dafür, dass sich jemand als etwas anderes sieht.
Jemand nicht „normales“, jemand nicht willkommenes.

 

– Anna –

Ich tanz mit meiner

Ich hab mich in meinem Leben viel mit meiner Vulva beschäftigt.

Ja, ein paar fragen sich jetzt: “Hä, wie kann man sich den viel mit seiner Vulva beschäftigen? Und warum die Vulva und nicht das Knie und warum sagt die immer so geschwollen Vulva?!” (jedes Mal an dieser Stelle feier ich mich für die Wörter “geschwollen” und “Vulva” in einem Satz ohne sexuellen Bezug #selbsthighfive)

Andere denken “Was zur Hölle ist denn ein Vulva?”

Und DAS ist eine sehr gute Frage!

Ich hab das mal mit meinen Freunden eruiert, was ein Vulva so sein könnte:
Der neue VW Vulva Double Penetration Jeep mit Allradantrieb, zum Beispiel… oder

“Eyy hieß nicht eine Prinzessin bei Dragon Ball so?” Nee, aber wär geil gewesen! Kamehameee haaaaaaa!!

Ja, also die Vulva ist das äußere Geschlechtsteil der Frau. Also alles, was man so von außen sehen kann.

Spätestens jetzt denken viele wahrscheinlich: “Aha, die Alte masturbiert also einfach richtig viel.”

Jaaaein… also auch! Aber das meinte ich auch nicht.

Ich hab einfach eine seehr große Vulva aus Pappe gebaut und bin damit am Christopher Street Day durch Hamburg gelaufen. Also ich hatte die so auf den Rücken geschnallt und sah aus wie ein riesen TeenageVulvaTurtle, und dann bin ich losmarschiert. Und was ich dabei erlebt habe, erzählt euch dieser Text:

Ich tanz mit meiner – oder Die deren Name nicht genannt werden darf

Ich tanze mit meiner Vulva durch die Straßen

und dir fällt nicht nur die Kinnlade runter, sondern auch der Kaffeebecher aus der Hand.

Du hast sie schon so oft geseh‘n, allein zuhause, im Internet bei „Geile MILF-Fotzen 5.“ Aber da war sie klein und willig.

Heute hier und jetzt bin ich die einzige Frau, zu der du Fotze sagen darfst!

Denn ich tanz mit meiner Fotze durch die Straßen.

Kinder fragen mit großen Augen ihre Mütter, was das auf meinem Rücken sei,

doch die Mütter sehen beschämt weg, anstatt zu erklären, dass

ich mit einer Muschi durch die Straßen tanz!

Und dass sie auch eine haben!

Sie sind stumm,

denn uns fehlen die Worte für den Ursprung unserer Welt!

Viel schlimmer noch: wir schämen uns.

Ich tanz mit meiner Möse durch die Straßen.

Und meine Möse ist wie Voldemort: Die deren Name nicht genannt werden darf!

Wir sagen „da“ und „du weißt schon, wer… äh – wo? Daa… unten…“

Frei nach Hermine sag ich: „Scham vor einem Namen macht nur noch größere Scham vor der Sache selbst.“

Ich tanz mit Schamlippen durch die Straßen.

Doch sie sollten Charme-Lippen heißen!

Denn nichts an unserem Körper sollte mit Scham besetzt sein.

Schon gar nicht der Teil unseres Körpers, der wie kein anderer im Fokus steht und doch so unsichtbar ist!

Ich tanz mit einer Göttin durch die Straßen.

Die uns allen das Leben geschenkt hat.

Und du sagst „Aber es gibt halt einfach kein schönes Wort dafür.“

Aber das stimmt nicht! Wir haben mehr Wörter als für jeden anderen Körperteil,

Also gebt der Kinderkriegerin doch einen Namen!

Ich tanz mit meiner Vulva, Fotze, Muschi, Möse, Göttin, Yoni, Vagina, Pussy, Punani, Mumu durch die Straßen!

Und du tanzt mit deiner.

 

– Vivien –

Mein innerer Nazi

Ich schaue mir die Welt an und sehe Formen und Farben in einer Vielzahl, die ich kaum begreifen kann.
Sie sind wunderschön.
Doch da sind Menschen, die das nicht so sehen und insgesamt nicht mehr sehen wollen. Und gerade fühlt es sich so an, als würden es immer mehr werden.
Manchmal wäre ich gerne woanders.

Ich sehe an mir herab und was ich sehe, ist weiß – und damit gut?
Meine Haut ist ein Privileg, das ich erhielt, einfach so ohne mein Zutun. Und solange ich meinen alten Pass nicht hervorkrame, erfährt niemand, dass ich nicht nur deutsch bin.
Tue ich es doch, kommen die Klischees aus meiner ersten Heimat gleich mit und meist nicht unbedingt die freundlichsten.

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Schwarze Löcher

Meine Freundin kommt aus Hamburg.

Meine Freundin wurde in Osdorf groß.
Nicht im Villenviertel, im Schatten der Hochhäuser.
Im Brennpunkt, zwischen Drogen, Einsamkeit und zu früh gestorbenen Träumen.
Zwischen Babys in Mülltüten, Selbstmördern auf dem Vordach und Blut im Treppenhaus, von irgendeiner Stecherei.
Dort wo Menschen einsam sterben, und Tage lang verwesen,
Weil sie schwarze Löcher im Herzen tragen.
Keiner, der an sie denkt, niemand sich erinnert in welchem Stock die Wohnung liegt und nur der schrecklich süße Geruch des Zerfalls eine Fährte legt.

Sie trug eine Wunde in ihrem Herzen
Als ihre Mutter weg ging um Heroin zu kaufen.
Als sie im Rausch versuchte die Tür des Kleinkindzimmers einzutreten, um der Oma das Kind zu entreissen.
Die Wunde riss auf, als 4 Männer die Mutter aufhielten und sie nie wieder kam.

Sie war behütet bei ihrer lieben Oma, mit nur einem kleinen Stich im Herzen.
Doch die Oma wurde krank, vergas wer sie war und wer meine Freundin war.
Meine Freundin war 13 und die Wunde begann erneut zu schmerzen.

Die Oma starb und im Innern des Mädchens schnappte eine Sprengfalle zu.
Riss das Fleisch, Blut und Sehnen in zwei.

Die Tante fing das Mädchen nicht auf sondern sprang, in das tiefe Vergessen, das nur der Alkohol ermöglicht.
Und meine Freundin hatte ein Loch im Herzen.
Allein, voll Schmerz und Sehnsucht.
Die Oma, anonym begraben.
Irgendwo auf einer Wiese. Keine Erinnerung, kein Schild.
Unter einem Grashalm unter Tausenden.

Und sie war allein.
Allein zuhause, allein gelassen.
Kein Strom, kein warm Wasser.
Weil Alkohol nicht nur die Seele frisst.
Und sie trägt ein Loch im Herzen.

Doch sie kämpft, sie liebt, sie verliert,
sie schreit, sie geht in die Welt, sie liebt, sie verletzt und wird verletzt.
Sie studiert, sie arbeitet, sie lacht und sie liebt.

Doch sie trägt ein Loch in ihrem Herzen, das vielleicht niemals geschlossen wird.

– Vivien –

Good Ausländer – Bad Ausländer

Auf der Lauer auf der Mauer an dem schönen weißen Mehrfamilienhaus

steht grob und schwarz geschrieben: AUSLÄNDER RAUS !

Aber nicht ich bin gemeint, sondern du!
Du! Mohammed, Ali, Hussain! Der Böse bist du!
Du kommst nach Deutschland und nimmst den Deutschen die Arbeit weg
oder schlimmer noch, lässt den Deutschen zahlen und liegst rum und sammelst Speck

Ich? Ich bin die Gute
Mich laden die Deutschen ein
So lange wie ich möchte einfach hier zu sein
Nach jedem Bürgermeisterwechsel bekomme ich ein Brief. Und was steht darin?

Werden Sie doch bitte deutsche Staatsbürgerin!

In der S-Bahn schaut die ältere Dame von ihren Buddenbrooks hoch
Sie sagt in gepflegtem Deutsch: Sprechen Sie doch bitte freundlicherweise sodann,
ich Sie auch verstehen kann!!
Ihr Blick sagt (geradezu unkultiviert) geradeaus:
AUSLÄNDER RAUS !
Aber nicht ich bin gemeint, sondern du!
Du! Mohammed, Ali, Hussain. Der Böse bist du!
Du willst doch die deutsche Sprache gar nicht lernen!
Du willst dich nicht anpassen und dich von deinen fremden Sitten entfernen

Ich? Ich bin die Gute!
Zu mir sagen die Deutschen: Dein dänischer Akzent ist so niedlich!

Ich muss nur „Eischhörnsjen“ sagen, dann klatschen sie unermüdlich

Der Mann im Café trägt einen Anzug am Körper und eine Zeitung in der rechten Hand.
Die Zeilen der Überschrift verkünden: Islam erobert Deutschland!
Christentum: Aus die Maus!

Zwischen den Zeilen steht: AUSLÄNDER RAUS !
Aber nicht ich bin gemeint, sondern du!
Du! Mohammed, Ali, Hussain. Der Böse bist du!
Du stellst Deine Religion zur Schau und betest den ganzen Tag
Und Weihnachten willst du auch nicht feiern, für die Deutschen ist das ein ziemlicher Schlag!

Ich? Ich bin die Gute!
Die Religion der Dänen heißt HYGGE und ist hier willkommen!
Und längst als Bestseller in deutschen Zeitungen, Magazinen und Herzen angekommen

Der Türsteher vor dem Club mit gekreuzten Armen sagt: Du kommst hier nicht rein!

Die Tattoos auf den Armen schreien laut: AUSLÄNDER RAUS !
Aber nicht ich bin gemeint, sondern du!
Du! Mohammed, Ali, Hussain. Der Böse bist du!
Du kommst nach Deutschland und baggerst die deutschen Frauen an
Die deutschen Frauen gehören aber allein dem deutschen Mann!

Ich? Ich bin die Gute!
Ich nehme keine deutschen Frauen weg (ich bin zufälligerweise hetero)
und an den deutschen Männern darf ich mich bedienen, frei und froh

Aber ich will euch mal was verraten! Es ist aber geheim
MICH zu verraten wäre jetzt ziemlich gemein!
Ihr kennt doch das alte Spiel „Good Cop – Bad Cop“?
Denn während die Deutschen angstvolle Blicke gen Süden richten
Mit den Hosen voll, gestrichen,
kommt in Wirklichkeit die Gefahr ganz gemütlichen aus dem Norden geschlichen.

Komm Königin Margrethe, du Wikingerbraut
Steck dir ein Prince an und setz dir den Helm auf
Die Vorarbeit ist gemacht,
es war einfach, viel einfacher als gedacht!
In gemütlicher Hygge umhüllt
und mit Carlsberg und Jubi-Snaps abgefüllt
liegen nun die Deutschen in ihren dänischen Betten
und träumen davon, dass die Dänen sie retten
Die deutschen Kinder sind ruhiggestellt
mit Lego und Lakritz, ja das gefällt!
Die Wikingerschiffe warten im Hafen im Nebel,
sie sind getarnt mit Maersk-Aufschrift statt Drachen und Segel
Und beim Altonaer Rathaus, wo die Elbchaussee beginnt,
hängt die rot-weiße dänische Flagge und flattert über ihren Köpfen im Wind!

Und Ich? Ich bin die Gute

 

– Anette Boisen –

Was ich dir schon immer mal sagen wollte

Was ich dir schon immer mal sagen wollte … Opa.

Vor dir hat hier am Tisch niemand mit Politik angefangen … und zwar nicht ohne Grund. Doch irgendwo im Übergang zwischen Hauptgang und Nachtisch hast du angefangen: Jetzt wird mal richtig Ordnung geschafft, da wird vor nichts Halt gemacht. „Heiligabend … ach, wie schön das doch wieder ist … so im Kreise der Familie … man weiß ja ned  … man weiß ja ned wie lange das noch erlaubt bleibt. Bei denen ganzen Muslimen, die da kommen … das Gesindel! Ruckzuck verbieten sie uns das alles hier. Ja! Ja! So isses doch!“

Stille macht sich breit … und … verfliegt dann langsam wieder.

Ich blicke über den Tisch zu meiner Schwester. Sie versteht, was ich gerne sagen würde, denn das hier ist ja nicht das erste Mal. Es gab ja in der Vergangenheit schon so viele schöne Gelegenheiten, sich auf Familienzusammenkünften die Welt von den Leuten erklären zu lassen, die aufgrund ihres Alters ja so gut Bescheid wissen.

Aber dieses Mal reicht es mir.

 

Das wollte ich dir schon immer mal sagen, Opa.

Du bist so egoistisch. Du wirst hier niemals unseren Widerspruch zulassen.

In deiner Welt gibt es sowas nicht, dort hast du das Sagen.

In deiner Welt sind geflüchtete Menschen eine Bedrohung, überflüssig, einfach zu viele und alles Verbrecher. Deine Welt soll ordentlich sein und deutsch und am besten so wie früher.

In deiner Welt, da regnet es kaleidoskopisch Gartenzwerge und karierte Hemden … und rollenweise Stacheldraht.

Deine Gedanken und Gefühle sind diszipliniert. In Reih und Glied marschieren sie … rückwärts, alle im Gleichschritt, alle in wütenden Trauermärschen und Montagsspaziergängen. Widerwillig halten sie alle ihre rechten Arme fest. Im Stechschritt geht es da voran in die 50er Jahre. Aber was du dir zurückwünschst, war niemals da.

 

Das wollte ich dir schon immer mal sagen.

In deiner Welt ist kein Platz für Vielfalt, für Ecken und Kanten. Das Einfache, das Eindimensionale charakterisiert deine Gegenwart. Hinweg mit den Diskussionen und Fakten.

Dein Schwarz-Rot-Gold ist braun und deine Welt so klein. Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt, soweit reicht sie. Und alles, was du wissen möchtest, passt in drei Strophen Nationalhymne.

Das wollte ich dir schon immer mal sagen.

In deinen Stammtischparolen flattert die Kaiserreichsflagge umher, und dein Herz trägt Uniform und ärgerlich knirschende Lederhandschuhe.

Auf deiner Stirn verlaufen Schützengräben, und in deinem Temporallappen werden Denkmäler eingerissen.

 

Das wollte ich dir schon immer mal sagen.

Deine Alternative ist die Retrospektive.

Du Montagsmarschierer

Du Aber-Sager

Du Verfassungsverbieger

Du Kulturverfestiger

Du Traditionsfanatiker

Du Vaterlandsretter

Du Farbenblinder …

 

Das will ich dir sagen … Aber ich tu es nicht … denn es ist Heiligabend und ich will keinen Streit heute und mit dem Rauslassen meiner Wut mach ich alles noch schlimmer. Meine Schwester versteht meinen Blick … auch sie sagt nichts. Das Thema am Esstisch hat längst gewechselt.

 

– Marvin –