Category Archives: Werke Wintersemester 2018-19

Grenzen im Kopf

Da ragte diese Mauer vor mir in den Himmel,
gesäumt von stacheligem Brombeer-Gestrüpp
Mein Herz schlug schneller vor Neugier,
ich wollte wissen, was sich dahinter verbarg.
Ich schob die Dornenranken beiseite
Und krallte meine Finger in die bröckelige Wand.
„Kehr um!“, rief jemand mahnend hinter mir,
doch meine Abenteuerlust siegte.

Stück für Stück erklomm ich den steinernen Wall,
Er bröckelte und splitterte unter meiner Handfläche.
Endlich glitt mein Blick über den grauen Rand.
Das Land auf der anderen Seite erstreckte sich vor mir.
Aus Spitzdachhäusern leuchteten Lichter.
Ich sah sie zum ersten Mal.
Die Mauer bröckelte weiter, löste sich unter mir auf.
Und ich erwachte aus meinem Traum.

Wir sind eine Welt mit sieben Milliarden Menschen
Verteilt auf sieben Kontinente,
umgeben von sieben Ozeanen.
Wir fliegen um den Erdball, das Internet ist überall.
Kofi aus Ghana schickt mir Fotos von der Strandbar,
Nouman aus Singapur liest meinen Reiseblog,
Cristina aus Santander richtet Weihnachtsgrüße aus.
Entfernung hat keine Bedeutung mehr.

Und doch gibt es überall Grenzen.
Grenzen, die mächtiger sind als alle Mauern der Welt.
Es sind die Grenzen in unserem Kopf.
Erschaffen aus der Furcht vor dem Fremden.
Da ist unsere Angst vor Terror und Gewalt.

Angst vor dem Untergang unserer Identität,
wenn wir unsere schützenden Mauern niederreißen.
Da ist unsere Angst, verwundbar zu sein.
Die Grenzen in uns machen uns unbesiegbar.
An ihnen prallt alles ab, was nicht ins Bild passt.

In der Schule belehrten sie mich,
Rassismus existiere nur in Geschichtsbüchern.
Krieg gebe es nicht mehr bei uns.
Die Zeit des Kolonialismus sei vorbei.
Wir lebten in Europa, friedlich und gerecht.
Doch irgendwann verstand ich es:
Menschen sahen dennoch das Fremde im Menschen.
Rassismus existiert in unseren Köpfen.

Sind wir denn nicht alle total tolerant?

Opa Hans sitzt am Abendbrottisch.
„Ich habe einen Schwarzen Mann gesehen
Eine schöne, blauäugige Blondine im Arm.
Ja ja, so hat er seinen Pass gekriegt.“

Liebe schert sich nicht um Hautfarbe.
Liebe schert sich nicht um Herkunft.
Liebe schert sich nicht um Religion.
Liebe sagt „Es ist, was es ist.“

Sind wir denn nicht alle total tolerant?

Opa Mohammed sitzt am Abendbrottisch.
„Ich habe eine blasse, hellhäutige Frau gesehen,
das Gesicht voller roter Sommersprossen.
ihre nackten Arme waren tätowiert.
So eine sollte mein Sohn niemals heiraten.“

Wir wollen uns und unsere Lieben schützen.
Vor der dem unbekannten Gebiet hinter den Barrieren.
Vor einer Realität, die uns aus der Bahn wirft.
Vor der Zerstörung unserer Weltanschauung.

Sind wir denn nicht alle total tolerant?

Rassismus ist kein Phänomen vergangener Zeiten,
Rassismus existiert da draußen in unseren Straßen
Und ganz besonders in unseren Köpfen,
Irgendwo stoßen wir an unsere inneren Grenzen.

Ich will meine inneren Grenzen überwinden
Mit Neugier und Offenheit für die Welt dahinter.
Mit Faszination für die Vielfalt dieser Erde,                                                                                                                                 Mit Liebe für das, was anders ist als ich,
Mich wie ein Löwenzahn durch grauen Beton zwängen
Und die Mauer in meinem Kopf zum Einstürzen bringen,
mein kleines Denken hinter mir lassen,
meine kleine Welt jeden Tag etwas größer machen.

Vielleicht entdecke ich etwas Neues.
Wenn ich über meine Grenzen spähe.
Einen Menschen, der mein Herz berührt.
Eine Geschichte, die ich bisher nicht kannte.
Eine Erkenntnis, die meine Grenzen durchbricht.

 

– Fabienne Kollien –

Wie es ist in Chemnitz aufzuwachsen

„Unser nächster Halt ist Chemnitz Hauptbahnhof! Ausstieg in Fahrtrichtung links, bitte alle aussteigen.“

Sonntagnacht –
Ich kriege einen Herzinfarkt beim Ertönen der sächsischen Stimme –
18 Jahre bin ich hier aufgewachsen.
Sächsisch verstört mich immer noch –
nicht so sehr wie Pegida-Demonstrationen, aber die Kombination macht’s.

Es ist 23 Uhr –
Totenstille am Bahnhof Chemnitz.
Mein Koffer rollt mit tosendem Lärm über den nagelneuen Boden des Bahnhofs.
Ich entdecke neue Imbissbuden und frage mich, ob es wirklich nötig war, so viel Geld in einen so hässlichen Bahnhof zu stecken.
Dann erinnere ich mich an zwei Holzbänke vor dem Naturkundemuseum, die 65.000 Euro gekostet haben und beschwichtige mich selbst, dass unsere Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig schon wissen wird, was sie da tut.

Dass das gelogen ist, verdränge ich so, wie es alle guten Chemnitzer*innen tun würden:
Mit Alkohol. Viel Alkohol.

○ ○ ○ ○ ○ ○

Auf dem 5-minütigen Heimweg treffe ich dann doch auf menschliche Wesen im verlassenen Chemnitz.
Zwei junge Männer laufen an mir vorbei, und einer von beiden ruft mir zu: „Geile Sau!“
Ich drehe mich um, lächle und zeige routinemäßig meinen Mittelfinger.
Im Weiterlaufen höre ich dann noch ein leises „Kanackenschlampe“.

Willkommen in Chemnitz!

Meine Mutter öffnet mir freudestrahlend die Tür und sagt: „Schön wieder in der Heimat zu sein, oder?“
Ich grinse verlogen und nicke.
Meine Mutter fragt mich, was ich die Tage so vorhätte. Ich erzähle ihr, dass ich wegen der #WirSindMehr-Demonstration hier bin, und meiner Mutter entgleist das Gesicht.

„Ist dir eigentlich klar, dass dieser Mann 200 Meter vor unserer Haustür erstochen wurde!?“
Ich nicke abwesend und packe währenddessen meinen Koffer aus.
„Und überhaupt – wie gefährlich so eine Menschenmasse sein kann!?“
Ich überlege, was ich morgen anziehe und in wie viele Polizeikontrollen ich mit einem komplett schwarzen Outfit geraten würde.

„NIMMST DU MICH ÜBERHAUPT ERNST, WENN ICH MIT DIR REDE!?“
Nun, denke ich mir, nicht ganz so ernst wie unseren Nachbarn Herrn Ernst, der Montag beim Fackellauf immer die Deutschlandflagge schwenkt, wenn er durch den Park der Opfer des Faschismus läuft, aber schon so ein bisschen.

Natürlich sage ich nichts. Ich grinse einfach verlogen und nicke.
Meine Mutter starrt mich an.
Ein bisschen als würde sie sich Sorgen machen.
Ein bisschen als würde sie mich umbringen wollen. –
Aber die Kombination macht’s.

Montagnachmittag – 17 Uhr
Ich stehe auf dem Stefan-Heym-Platz in Chemnitz, und mit mir 65.000 weitere Menschen.
18 Jahre bin ich hier aufgewachsen –
Zwischen Kraftklub, Rentnern und Nazis.
Und ich muss zugeben, ich bin maßlos erstaunt.

Montagnacht – 22 Uhr
Alles ist friedlich verlaufen.
Der einzige REWE in der Innenstadt hat längere Einlass-Schlangen als jeder Club und der einzige offene Dönerimbiss macht den Umsatz des Jahrtausends.
Menschen tanzen auf den Straßen zu Technobeats und schreien lauthals „Nazis raus!“

○ ○ ○ ○ ○ ○

Es wäre schön, wenn jeder Tag in Chemnitz so bunt wäre.
Wenn die Hälfte der Anwesenden nicht wegen eines kostenlosen Konzerts da gewesen wäre, sondern um sich mit uns Chemnitzer*innen zu solidarisieren.
Zu sagen: „Ihr seid nicht allein!“
Nicht, weil der Sänger von Kraftklub das von den Demonstrant*innen erwartet, sondern weil man von Herzen aus solidarisch sein will.

Es wäre schön, wenn man auf meine Heimatstadt nicht nur herabblicken würde.
Wenn man mal einen Blick ins Lokomov oder ins AJZ werfen würde, um bei ein oder vierzehn Bier feministischer Live-Musik zu lauschen.
Wenn man neben Kraftklub, Rentnern und Nazis auch die Jugend sehen würde, die sich tagtäglich für sozialen Wandel einsetzt –
Indem sie Hakenkreuzschmierereien überklebt, Gegendemonstrationen organisiert und füreinander einsteht.

Es sollte mehr Berichte geben über Jugendbanden, die Always Ultra XXL-Binden über sexistische Werbung kleben und Fuck Society auf jede einzelne Binde schreiben.
Mehr Berichte über Toleranztage an Schulen.
Mehr Berichte über braune Luftballons, die in Massen losgelassen werden, um symbolisch das braune Gedankengut aus der Stadt zu verabschieden.

Und vor allem mehr Geld –
Mehr Geld, das in Anti-Diskriminierungsprojekte gesteckt wird.
Und nicht in Holzbänke.

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Dienstagabend – 17 Uhr
Auf dem Weg zum Bahnhof spricht mich ein junger Mann an.
Ich will ihn genervt ankeifen, den Mittelfinger bereit in meiner Jackentasche.
Aber er sagt nur „Entschuldigung“ und reicht mir lächelnd meinen Schlüssel, der mir aus der Tasche gefallen war.

Ich sitze im Zug auf dem Weg zurück nach Hamburg –
Die Bahnansage ertönt.
Und ich muss zugeben, ich finde es ein wenig schade, dass sie nicht auf Sächsisch ist.

Emi –