Dem Jungen mit dem blauen Halstuch

Ein Junge bleich wie frische Seide
raubt mir langsam meinen Schlaf.
Er singt, hinkt, winkt in seichtem Leide,
das mich murmeln lässt: „Sei brav.“
Ein Pionier darf mich nicht wecken,
er sollte stramm stehn bei den Recken,
das Halstuch säuberlich gebunden
und nicht so räuberlich gewunden.
Sein zarter Nacken liegt ganz bar,
die Haut pulsiert, ich seh ihn klar.
Völlig nackend tanzt er dort
im Brunnen, wo das Wasser chlort,
schwingt das blaue Halstuch kreisend,
auf Rhythmusgefühl hin verweisend.
Offensichtlich zu viel Schnaps,
wirkt ganz flattrig wie ein Spatz
in einem Gebüsch aus Dornen.
Was soll ich da denn drüber zornen?
Er ist erst 18 Jahre alt,
ihm ist in Deutschland sicher kalt.
Gleich werden seine Kameraden
den Badenden von dannen tragen,
dann kann ich in den nächsten Tagen
meine Plagen mit ihm haben
und seine Disziplin beklagen,
denn zahlreich liegt dort was im Argen.
Unerträgliche Allüren
und ein Gespräch ist noch zu führen.
Muss man wohl ans Bett ihn schnüren,
nicht um ihn dort zu verführen,
sondern ihn zum Narr zu küren.
Jetzt singt er auch noch,
muss ich vielleicht doch?
Ich trete auf den Dielen rum
und fühle mich so jung und dumm.
Ich bin doch auch nur Klassenbeste
und habe keine reine Weste.
„Ich liebe dich so, Evelyn!“
und beinah hätt ich aufgeschrien.

Ich verschränke die Arme und beobachte ihn durch den Vorhang. Wie ein Magnet dreht sich der junge Cubaner im Kreis. Ein Schritt auf ihn zu reicht, damit er Ruhe gibt. Ich winke ihn zu mir. Von einem Augenblick auf den anderen wirkt er schüchtern und steigt mit dem Halstuch im Schambereich aus dem Brunnen. Dann steht er vor mir und ich schüttle rügend den Kopf.
„Als ich sagte, ich will, dass du dich mal was traust, meinte ich eigentlich deine Bewerbung in Minsk.“

Dann wurde ich stumm. Er wurde rot.
Eine Minute ging rum. Wir blieben nicht dort.
Am nächsten Tag war ich wieder allein.
Dass ich ihn auch mag, weiß er, denn mein
Halstuch ist zur blauen Blume gewunden.
Ich hoffe nun nur, er hat das Zeichen gefunden.

– Laura