Eine kleine Gutenachtgeschichte: Unter Palmen und Olivenbäumen

Wir saßen einst mit Sokrates unter Palmen und Olivenbäumen.
Lauschten, auf dem Sofa sitzend, Seele baumelnd den rauschenden
Grashalmen und den vielen Freunden,
Friedenstauben pickten laufend, irgendwo machten Liebe Leute,
freuten sich an ziemlich vielen, die ihnen so viel bedeuten.

An diesem Ort, da war Glückseligkeit der Lebensstyle,
versteht sich, weil Glückseligkeit auf ewig weilt.

Und unter Palmen und Olivenbäumen, da war für jeden was dabei.
Ja, vom Leben war’n wir high, weil die Gemeinsamkeit,
die man gemeinhin teilt, ist das SEIN, und das vereint uns, weil ich mein:
Ich denke also bin ich, diese Weisheit macht uns gleich.

Wir denken also sind wir WIR und wir waren so derbe à la Descartes
mehr bedarf es doch auch nicht, um sich ins Herz zu schließen dann.

Dort lebten viele, mit ihrem Glauben, der die Hand ihnen oft reichte,
doch alle glaubten anders, auf eigene reiche Weise.
Und ein jeder, der dort lebte, sprach Sprachen, nie gesehen.
Doch der, der sprach von Herzen, den ein jeder konnt’ verstehen.

Milliarden Gerüche, Millionen von Farben,
Hunderttausend Gefühle und tausend Gebaren.
Hundertfach Glück und nicht eines im Argen.

Ich muss sagen: Ich, mit meinen grünen Augen, zur Minderheit ich damit zählte,
und die Anordnung meiner Zähne, mit der ich mich alleine wähnte,
wie auch ‘n paar andere Banalitäten, zum Beispiel Nationalitäten,
bestätigten erheblich die Individualität, die
uns alle irgendwie prägte, die wir dort in Gleichheit lebten.
Menschen eben, die von Einzigartigkeit geprägt sind.

HIER bei DEINEM Volk – man bekäme‘ Angst man wär der Auserwählte,
verschmähte, der hier und da ‘ne Faust bekäme,
bei dem du Feuer an der Haustür legtest.
Weil gegen Andersheit, Einzigartigkeit, Fremdheit und und und
du ja auch Wut hegtest.

Doch war jemand wie du, pflegten wir damals unter Palmen und Olivenbäumen
uns an einem Lied zu freuen und riefen dir zu: oh Bella ciao Bella ciao Bella ciao ciao ciao!

Genau! Naja. Wo du oder ihr das Volk seid, waren wir weit mehr, denn wir waren
vollk-ommen.

Wie so ‘n Eiskrem-Schlemmer-Becher,
bunt garniert mit Elderflower.
Doch wählst du immer nur white Vanille-Power,
blickst du niemals über Becherränder.

Bleibt dein Horizont im Keller weiter
und vor deinem Tellerrand verbirgt sich leider
jeden Tag der gleiche, geschmacklose, vergammelte, scheiß weiße Einheitsbrei, ja du wirst dich nie bereichern!

Vollkommen!
Das ist nicht nur ein Unterschied von Silben, sondern von Welten.
Wären wir Tapeten, seid ihr die vergilbten und wir die gewellten,
diese leicht geriffelten, weißt du, die GUTEN, bei Oma,
wo das Leben doch immer schon so locker flockig flauschig war.
Wo es heißen Kakao so lauschig gab.
Und Menschen wie dich es für mich im TV nur gab.
Dauernd sah ich die Moral von der Geschicht:
Der Böse verliert.
Der Gute brilliert.
Hab schon damals kapiert, der Bösewicht ist lächerlich.

Aber irgendwann musste ich dann feststellen:
Fuck! Den Bösewicht gibt’s echt, ey.

Ja dich gibt’s als Bustürenzumacher,
als Parolen fluchender
an seiner inneren Wut knabbernder
Hitlergrußkarten sammelnder U-Bahn-Platznachbar.

Du bist im Supermarkt da und auch beim Fußball
da bist du mit Spruchbändern am Müll labern, man.
Bist in Führungsetagen einer der führenden Paten
und für die Kühlungsregale produzierst du Süßwarenmassen.
Publizierst News, faselst Phrasen mit populistischen Schwachsinn
und plötzlich darfst du auch im Bundestag als Wutbürger ran.
Ja – jetzt ist es passiert. Man wundert sich dann:

Ja warum gibt es eigentlich
extrem rechts denkende
frech hetzende zu vergessende
Unrecht sprechende
Einzeller,
Moral zerfetzende, Gesetz brechende,
zuletzt sich selbst fressende
Scheiterer.
Den Geist verpestende,
andere Menschen kränkende,
wie Mengele ärztlich attestierte
Reichskinder.
Jetzt vom Teufel besessene,
morgen einsitzende Zähne fletschende,
weltfremde, letzten Endes –
Kein Bedarf!

Ich sag‘ wir markieren eure Ausweise,
da kommt ein großes rotes N rein,
das steht für – Nichtsnutz und Nicht-Denker.
Damit könnt ihr dann ausreisen.
Ich lade deine Gang ein
auf ‘n Urlaub in Kriegsländern.

Denn damit du es mal mitbekommst:
Auf der Straße wird ein Kind zerbombt,
drei Jahre alt.
Sie war gerade mal so weit, dass sie noch nicht mal wusste,
es gibt so vieles auf der Welt, für das es sich lohnen müsste.

Sie kannte Blut und Beine,
sie kannte Trümmerhaufen.
Sie kannte Glut und Steine,
Feuer im Himmel rauschen.

Die Erde, blutrot, ihr Spielplatz.
Das Schießpulver zum Atmen.
Die Wirklichkeit für sie war
von Anfang an begraben.
Menschen ohne Kriegsgedanken
werden dort zu Kriegsgefangenen.

Menschen ohne Kriegsgedanken
Werden dort zu Kriegsgefangenen.

– – –

Oh… jetzt ist es aber schon sehr spät.
20:19 – längst Zeit, dass du ins Bett jetzt gehst.
Ich hoffe, du verstehst!

Und wünsche süße Träume.
Von einem Leben unter Palmen
und Olivenbäumen.

 

– Matthias Kriegel –