heute fange ich bei mir an und morgen dann bei dir

Du blickst mich an und fragst mich, ob du anders bist.
Ich schaue zurück und sag nichts, weil ich ratlos bin.

Die Antwort liegt unversteckt im Raum
jeder spürt sie, doch niemand will sie greifen.
Denn das würde ja dann heißen,
auszusprechen, dass du „anders“ bist.

Ich frag mich, was ich sagen soll.
Bin rauschvoll versunken
in meinen Gedanken ertrunken
und verlängere den Moment,
nur um ungewollte Stunden.

Als ich Worte gefasst habe,
haste ich darauf los,
damit die Stille nicht zu lang ist
und deine Sorge nicht zu groß.

Und dann passiert es doch.
Mit holpernden Worten
saust das Unüberdachte
einfach aus mir raus:

Ich blick dich an und frag dich, ob es denn so schlimm is.
Ein bisschen anders sein, sei doch nicht verkehrt
in einer Welt wie heute
kämpft man doch gegen Mainstream und Massen
und ehm nicht mehr gegen Rassen.

Ich dachte, damit mache ich dir Mut,
aber in dir leuchtet jetzt die Wut.

Du schaust mich an mit deinen tiefen, großen Augen
und ich ahne schon, dass ich alles nur versaue.

Du fragst mich, ob mir fremde Menschen in die Haare fassen?
Ich sage nein und muss dann lachen,
wieso sollte mir denn jemand in die Haare fassen.

Du fragst mich, welchen Makeup-Ton ich kaufe,
einen zwischen eins und eintausend?

Und ehm ich beginne zu grübeln,
weil ich langsam verstehe,
dass das, was du sagst,
das ist nur der Gipfel, von dem Hügel.

Zu guter Letzt fragst du mich,
in welcher Farbe ich denn Pflaster kaufe.

Jetzt schaust du mich an und sagst mir,
dass das alles nur ein Bruchteil ist,
von dem, was dich belastet.
Und sagst, die Würde des Menschen sei doch eigentlich unantastbar…

Und ich frag mich jetzt, ob ich das glauben mag.
Dinge, die ich meinte nicht zu wissen
oder besser gesagt Dinge, die ich ignorierte,
weil sie mich nicht dissten.

Du schaust mich an und deine Stimme überschlägt sich
Mach doch mal die Augen auf!
Rauf dich zusammen und wach endlich auf!“

Zu glauben, heute gäbe es kein’ Unterschied
wäre deiner Meinung nach ein Lügenlied.

Die Wut erlischt und leise kommst du zu dir.
‚Es ist nicht in deiner Hand zu sagen,
ob es schlimm ist‘, sagst du.

Und so ist es meine Aufgabe.
Ich packe mich an meiner eigenen Nase
und kämpfe nicht mehr gegen die falschen Gruppen,
die meine Energie verschlucken.
Sondern stelle mich denen,
die dir das Gefühl geben,
dass du anders bist.

Und dabei fange ich bei mir an.
Ich habe keinen genauen Plan,
aber bei mir anzufangen, macht doch Sinn.
Bevor ich irgendwem erkläre was Rassismus ist,
muss ich doch verstehen, dass es nicht sein kann, dass du anders bist.

Du bist ein Individuum und jeder sollte dich so betrachten.
Wenn dich jemand nach deiner Herkunft fragt
und es dann nicht begreifen mag,
werde ich bei dir sein
und werde mit dir über diesen Idioten lachen.

Wenn dir jemand das Gefühl gibt,
dass du anders bist,
dann kannst du auf mich zählen.
Ich werde da sein, wenn du mich brauchst,
ich werde nicht mehr ignorieren,
dass es Menschen gibt im Hier und Jetzt,
die immer noch nichts kapieren.

und ich werde jeden Tag an mir arbeiten,
ein Mensch zu sein, auf den du stolz bist,
ein Mensch zu sein, der deine Würde nicht verletzt.

Mein Plan für die Zukunft ist:
heute bin ich die, die gestern nichts getan hat,
aber ab Morgen bin ich die, die gestern was gesagt hat.

Also fang ich heute hier an
und schau dann ab morgen, auf die anderen,
denn die Würde des Menschen ist doch unantastbar.

 

– Elena Flohr –