Der Knoten in meinem Bauch

Ob Bahn oder Bus – öffentliche Verkehrsmittel sind wohl die unnatürlichsten sozialen Brennpunkte überhaupt. Auf engem Raum zusammengepfercht, atmen Menschen aller Welt Die gleiche Luft.
Blickkontakt vermeiden.
Bloß nicht berühren.
Stimme senken und das Gespräch über die Bekanntschaft der vergangenen Nacht auf später Verschieben.

Trotz aller Vorsicht birgt die gemeinsame Fahrt im selben Abteil ein unumgängliches Potenzial für Eskalation.

Auch auf dem Weg hierher spürte ich es knistern.
Zwischen umgetauschten Weihnachtsgeschenken und dicken Daunenjacken trafen die Blicke Aufeinander.
Voller Vorurteil und Abschätzung.

In meinem Kopf breitete sich ein Gedanke aus.
Ein Gedanke an eine laue Sommernacht.

In dieser lauen Sommernacht sitze ich im Zug.
Draußen zieht die Dunkelheit an mir vorüber.
Drinnen lässt mich das helle Neonlicht noch blasser aussehen.

Ich bin kraftlos und müde.
Im Gepäck trage ich Zelt, Isomatte und allerlei Verkleidungen,
Um nicht zu sein, wer ich bin,
Um der Wirklichkeit zu entfliehen.

Ich blicke in die leeren Augen meiner Begleitung ins Wochenende.
Ein Wochenende
Hedonistischen Tanzens zu elektronischen Klängen.
Ein Wochenende
Schwerelosen Schwebens durch magische Wälder
Voller Feenstaub und prickelnder Gemüter.

Dann ein Riss durch meine fließenden Gedanken.
Der Schaffner stapft schweren Schrittes den Gang entlang,
Reißt mir missmutig das Ticket aus den Händen.
Nickt.
Geht weiter.

Ich sinke wieder tiefer in den Sitz,
Lehne meine Schläfe gegen die kühle Scheibe und beobachte,
Wie meine Gedanken in die Dunkelheit entschwinden.

Doch der Moment der Ruhe verstreicht
Und es wird laut im sonst so leeren Abteil.
Die Stimme des Schaffners erhebt sich und durchdringt meinen Kopf:
„Sie haben beide keine Tickets und jetzt schauen sie mir ganz frech ins Gesicht! Können Sie denn nicht mit mir reden oder können sie etwa kein Deutsch?! Zwei Schwarze, die auch noch schwarzfahren!“

Ich schrecke auf.
Jede Farbe, die sich irgendwann mal in meinem Gesicht versteckte, verblasst
Und ich will aufstehen.
Gegen den irrationalen Hass des Schaffners gegenüber den zwei Mitreisenden.
Ich will ihm sagen, dass seine rassistische Äußerung weder in diesem Zugabteil
Noch sonst einem Ziel seiner Fahrten einen Platz hat.
Ich will aufstehen.
Für die zwei Männer,
Die ein verdammtes Recht haben,
Respektvoll behandelt zu werden.
Ohne Vorurteile.
Ohne Diskriminierung.

Doch da ist dieser Knoten in meinem Bauch.
Er wächst und wächst und wächst.
Wandert vom Magen zu den Lungen.
Krallt sich fest.
Schnürt meinen Atem ab.
Lässt mich nicht los.
Er beginnt sich zu einem ganzen Wurzelwerk verzweigen.
Bildet kleine Ästchen,
Die sich um mich ranken,
Meine Hände vor der Brust verschnüren,
Mich klein werden lassen.

Plötzlich bin ich ganz müde.
Zu müde zum Denken.
Zu müde zum Reden.
Zu müde zum Aufstehen.
Zu müde zum Handeln.

Das Wurzelgeflecht lähmt mich.
Unterdrückt die aufkeimende Wut.
Die Wut auf mich
Und meine Unfähigkeit.
Die Wut auf meine Angst um mich,
Meine Verletzlichkeit.
Die Wut auf meine Angst,
Mich angreifbar zu machen.
Angreifbar zu sein.
Die Wut auf meine Angst,
Selbst Zielscheibe für Bedrohung und Gewalt zu sein.
Die Wut auf Ungerechtigkeit
Und das fehlende Handeln dagegen.
Die Wut auf das Ego,
Die Feigheit.
Die Wut auf die Lähmung.

Wir alle sind gelähmt.
Verstecken uns im Leben.
Leben genießen.
Individualität spielen.
Und doch einfach nur sich selbst im Blick haben.
Wir alle sind mit uns beschäftigt.
Zu beschäftigt,
Um den Blick zu erweitern.
Zu beschäftigt,
Um zur Tat zu schreiten.
Die Lähmung zu besiegen.

Wir müssen aufwachen.
Verstehen, dass das Ich nur sein kann,
Wenn wir das Wir verteidigen.
Wir müssen aufwachen.
Aus dem Traum des selbstbestimmten Lebens.
Solange ihn nicht alle träumen können,
Platzt er auch für uns.
Wir müssen aufwachen.

Dieser Knoten im Bauch darf uns nicht lähmen.
Wir dürfen nicht zulassen,
Dass seine Triebe nach der Herrschaft greifen.
Nicht über uns!
Denn wir sind Individuen.
Mit klaren Gedanken.
Klaren Gefühlen.
Warmen Herzen.
Lasst uns die Wärme teilen.
Aufstehen,
Wenn jemandem kalt wird.
Aufstehen,
Auch wenn jemand nicht nach Hilfe rufen kann.
Aufstehen und bei ihm sein.
Niemand muss alleine sein.
Seinem Schicksal überlassen.
Wir alle sind Menschen,
Mit Lungen zum Atmen,
Mit Herzen zum Leben
Und Gehirnen zum Denken.
Lasst uns vereint die heimtückisch wurzelnde Lähmung bekämpfen.
Die Ohnmacht verbannen.
Und bewusst zur Tat schreiten.

Ob im Zug oder Bus,
Beim Einkauf oder der Arbeit,
Auf dem Weg in den hedonistischen Realitätsverlust oder zum Bäcker,
Beim nächsten Mal werde ich lauter sein.
Lauter und stärker als der Knoten in meinem Bauch.

– Monika –