Mein innerer Nazi

Ich schaue mir die Welt an und sehe Formen und Farben in einer Vielzahl, die ich kaum begreifen kann.
Sie sind wunderschön.
Doch da sind Menschen, die das nicht so sehen und insgesamt nicht mehr sehen wollen. Und gerade fühlt es sich so an, als würden es immer mehr werden.
Manchmal wäre ich gerne woanders.

Ich sehe an mir herab und was ich sehe, ist weiß – und damit gut?
Meine Haut ist ein Privileg, das ich erhielt, einfach so ohne mein Zutun. Und solange ich meinen alten Pass nicht hervorkrame, erfährt niemand, dass ich nicht nur deutsch bin.
Tue ich es doch, kommen die Klischees aus meiner ersten Heimat gleich mit und meist nicht unbedingt die freundlichsten.

Ich will das nicht!
Ich will nicht diskriminiert werden für etwas, für das ich gar nichts kann.
Also schweige ich, verberge mich. Denn ich habe das Privileg, dem zu entgehen, indem ich mein Anderssein einfach nicht erwähne.
Doch manchmal frage ich mich, ob ich damit überhaupt noch behaupten kann, besser zu sein als die, die diskriminieren.
Wenn ich in meinem Inneren filtere, um ins Raster zu passen, bin ich im Grunde nicht mein ganz eigener Nazi? Indem ich das Bild verfälsche und zu meinem eigenen Vorteil verdrehe, helfe ich mir selbst und schade gleichzeitig denen, die das nicht können.

Ich sehe an mir herab und was ich sehe, ist gesund – und damit gut?
Meine Beine tragen mich, ich höre jeden, der spricht, verhalte mich konform und nicht auffällig, meine Proportionen sind gewöhnlich und meine Augen begreifen das Licht. Mein Körper ist ein Privileg, das ich erhielt, einfach so, ohne mein Zutun. Und solange ich mich anpasse, erfährt niemand, dass meine Behinderung in meinem Innern liegt.
Wenn ich es sage, stoße ich auf Unglauben und immer das gleiche Kompliment „du siehst gar nicht so aus“. Mitleid kommt vor Verständnis.

Ich will das nicht!
Ich will nicht diskriminiert werden für etwas, für das ich gar nichts kann.
Also schweige ich, verberge mich. Denn ich habe das Privileg, dem zu entgehen, indem ich mein Anderssein einfach nicht erwähne.
Doch manchmal frage ich mich, ob ich damit überhaupt noch behaupten kann, besser zu sein, als die, die diskriminieren.
Wenn ich in meinem Inneren filtere, um ins Raster zu passen, bin ich im Grunde nicht mein ganz eigener Nazi? Indem ich das Bild verfälsche und zu meinem eigenen Vorteil verdrehe, helfe ich mir selbst und schade gleichzeitig denen, die das nicht können.

Und dann sehe ich neben mich.
Der, dessen Hand ich halte, der mein sicherer Hafen ist und oh so wunderschön ,ist weiß. Er ist gesund und deutsch und männlich. Auch er ist damit keiner Diskriminierung ausgesetzt.
Und ich freue mich für uns. Ich freue mich, dass wir durch die Stadt gehen können, Hand in Hand, ohne seltsame Blicke zu ernten. Ich freue mich, dass wir in einem Restaurant oder einer Bar knutschen können, ohne das die Menschen tuscheln.
Er und ich, wir sind ein wandelndes Privileg, ein Mann und eine Frau in einer Beziehung, in der er die Hosen trägt und sie die Kleider. Das ist die Art von Partnerschaft, die sozial erwünscht und frei von Diskriminierung ist.
Blöd nur, dass das nicht alles ist.

Mein Freund und ich, wir sind pervers.
Unsere Lust erleben wir in Bereichen, für die es Paragraphen und Strafen in Gesetzbüchern gibt. Die blauen Flecken zieren mich oft tagelang.
Und ich liebe es und er liebt es und wir lieben einander. Doch jemanden zu lieben bedeutet nicht, niemanden sonst lieben zu können. So ist das mit uns kein exklusiver Zweierbund. Vielmehr ist es ein Geflecht aus Vertrauen, Gesprächen und anderen wundervollen Menschen.

Denn obwohl es bei uns Fesseln gibt, binden sie uns nicht aneinander fest. Liebe muss kein goldener Käfig sein, habe ich gelernt. Man muss seinen Partner nicht an der kurzen Leine halten und auch nicht an ihr gehalten werden, um glücklich zu sein. Wobei so eine Leine schon eine nette Sache ist…
Und obwohl ich das, was ich mit ihm habe, so unendlich genieße, erzähle ich, wenn Menschen nach ihm fragen, oft nur den Teil, der nicht anstößt. Ich tue das, weil ich weiß, wie viele Menschen sind und mich nicht erklären und rechtfertigen will dafür, dass wir nicht so sind. Weil mein Glück nicht der grundsätzlichen Definition von Glück entspricht, erzähle ich nur von den Teilen, in denen es das tut.

Doch ebenso wie mit Nationalität und Behinderung bin ich auch hier nicht vollkommen ich. Vielmehr bin ich die, die nicht stört und nicht gestört wird.
Ich bin ein Beispiel für eine gesunde, weiße, monogame Deutsche.
Doch bei dem Gedanken, wem dieses Beispiel hilft, kommt mir das Kotzen.
Ist es nicht heuchlerisch, gegen Nazis zu sprechen und mich doch konform zu ihrem Wertesystem zu verhalten?
Ich bin nicht frei von Rassismus. Ich bin nicht frei von Behindertenfeindlichkeit. Ich bin nicht frei von festen Geschlechterrollen. Alle drei beeinflussen noch immer meine Bewertung meiner selbst.
Wenn ich die Teile von mir, die Nazis nicht mögen, so klar kenne und in mir einschließe, scheint es mir oft so, als habe in mir selbst ein Nazi das Sagen.

Ich schaue in mich selbst und sehe Formen und Farben in einer Vielzahl, die ich kaum begreifen kann.
Sie sind wunderschön.
Doch da sind Menschen, die das nicht so sehen und das insgesamt nicht mehr sehen wollen. Und gerade fühlt es sich so an, als würden es immer mehr werden.
Manchmal wäre ich gerne wer anders.

Aber wenn ich das wirklich wäre oder werden würde, würde ich damit anerkennen, dass dieses Feindbild der Vielfalt richtig ist.
Und das ist es nicht.

Ich will kein anderer Mensch sein, der in eine andere Welt passt. Ich will ich sein, in einer Welt, in der nichts zusammenpasst und es gerade darum tut.
Einfarbige Gleichförmigkeit ist so unglaublich langweilig.

Und so stelle ich mich auf die Bühne und trage all die Dinge vor, die ich mich im Alltag nicht auszusprechen wage.
Doch dann bemerke ich, was ich da gerade gesagt habe und ich bekomme Angst; Angst vor anderen Nazis, inneren und äußeren, in diesem Raum und außerhalb von ihm, überall; Angst vor Diskriminierung. Wenn es darauf ankommt, übernehmen alte Muster wohl doch wieder die Kontrolle.
Kämpfen oder Fliehen?
Kämpfen oder Fliehen?

– Eva –