Schwarze Löcher

Meine Freundin kommt aus Hamburg.

Meine Freundin wurde in Osdorf groß.
Nicht im Villenviertel, im Schatten der Hochhäuser.
Im Brennpunkt, zwischen Drogen, Einsamkeit und zu früh gestorbenen Träumen.
Zwischen Babys in Mülltüten, Selbstmördern auf dem Vordach und Blut im Treppenhaus, von irgendeiner Stecherei.
Dort wo Menschen einsam sterben, und Tage lang verwesen,
Weil sie schwarze Löcher im Herzen tragen.
Keiner, der an sie denkt, niemand sich erinnert in welchem Stock die Wohnung liegt und nur der schrecklich süße Geruch des Zerfalls eine Fährte legt.

Sie trug eine Wunde in ihrem Herzen
Als ihre Mutter weg ging um Heroin zu kaufen.
Als sie im Rausch versuchte die Tür des Kleinkindzimmers einzutreten, um der Oma das Kind zu entreissen.
Die Wunde riss auf, als 4 Männer die Mutter aufhielten und sie nie wieder kam.

Sie war behütet bei ihrer lieben Oma, mit nur einem kleinen Stich im Herzen.
Doch die Oma wurde krank, vergas wer sie war und wer meine Freundin war.
Meine Freundin war 13 und die Wunde begann erneut zu schmerzen.

Die Oma starb und im Innern des Mädchens schnappte eine Sprengfalle zu.
Riss das Fleisch, Blut und Sehnen in zwei.

Die Tante fing das Mädchen nicht auf sondern sprang, in das tiefe Vergessen, das nur der Alkohol ermöglicht.
Und meine Freundin hatte ein Loch im Herzen.
Allein, voll Schmerz und Sehnsucht.
Die Oma, anonym begraben.
Irgendwo auf einer Wiese. Keine Erinnerung, kein Schild.
Unter einem Grashalm unter Tausenden.

Und sie war allein.
Allein zuhause, allein gelassen.
Kein Strom, kein warm Wasser.
Weil Alkohol nicht nur die Seele frisst.
Und sie trägt ein Loch im Herzen.

Doch sie kämpft, sie liebt, sie verliert,
sie schreit, sie geht in die Welt, sie liebt, sie verletzt und wird verletzt.
Sie studiert, sie arbeitet, sie lacht und sie liebt.

Doch sie trägt ein Loch in ihrem Herzen, das vielleicht niemals geschlossen wird.

– Vivien –