Vom Rost im Herzen

Weißt du, wie es war? Weißt du aus welchem Holz ich geschnitzt bin? In einer Zeit, als das Leben noch rostbraun war. Als rußige Knöchel in diebischen Fingern knackten und ein Körnchen im Zahnrad das Leben kosten konnte. Als die Tüftler, so viel heißen Dampf produzierten, dass die Grenzen zwischen Technik und Magie verschwammen. Da wurde ich geboren. Ich bin eines Alten Kopf entsprossen, der stehts ein Monokel trug. Vielleicht war es angewachsen. Er hat mich in meine Form gegossen, gab mir Augen, einen Mund, Füße und sogar einen Hut. Er nannte mich seinen Sohn. Nur eines konnte er mir nicht geben, bei all seiner Liebe nicht. Weißt du, was das war? Weißt du, dass Wissen nicht alles ist, niemals war, auch in meiner Zeit nicht? Ich verrate es trotzdem. Es war ein richtiges Leben, so ein lebenswertes, ein friedliches, eins ohne Hass und Angst.
Immer wenn er mich zum Bäcker schickte,
spürte ich die schrägen Blicke,
wenn ich einen Ball anhob,
zischte hinter mir der Hohn,
wenn ich ihm auf Arbeit half,
war es alles einfach falsch.
„Das darf er nicht, er ist kein Mensch.
Zumindest, nichts was man hier kennt.
Er ist so rostbraun und aus Blech,
schmeißt ihn raus, der soll hier wech!“
Und die Gefahr, ja dieses Wimmern,
mit der mit der Magie in meinem Innern,
ließ mich von den Tränen kosten
und mein Inneres verrosten.
Bald war mein Herz auch schon erkaltet
und mein Vater ganz veraltet.
Ich glaube Menschen wie er wurden rar
und Maschinen wie ich, wir wurden ganz starr.
Dann setzte ich mich am Meer nieder
und regte keins mehr meine Glieder.
Verrostete hier ganz alleine
Das Salz umspülte meine Beine
Meine Finger gruben sich
Tiefer in die weiße gischt
Schon seit einer Ewigkeit
Blickte ich hinaus so weit
Der Horizont blieb eh nur weg
So rührte ich mich nie vom Fleck
Man gab mir alles außer Leben
Nie würde meine Brust erbeben
Auch runzelte sich nie die Stirn
Über den fehlenden Regenschirm
Die Ostseequallen wabbeln leise
Vögel gehen auf die Reise
Kinder toben sich hier aus
“Oh bitte, schwimm nicht so weit raus!”
Mit Zittern unter großem knarren
Halt ich alle jetzt zum Narren
Rette erst das kleine Ding
Bevor ich aus dem Wasser spring.
Und jetzt drehe ich mich rum
Landeinwärts gehts marschierend stumm.
Ich will noch eine Sache tun
Bevor ich muss wohl wieder ruhn.
Ich will einen Tag erleben, ob sich die Welt gewandelt hat. Und ich laufe die Straße hinauf. Zwischen blinkenden Lichtern bekomme ich keine Angst entgegen geschleudert. Nur ein Mann mit Eisen im Gesicht erhebt die Hand gegen mich. Aber er will nur, dass ich einschlage. Die Menschen lachen mich an, machen mich dadurch zu einem von ihnen. Ich spüre, wie mein Herz schlägt. Einmal, hoffnungsvoll und unsicher. Ich laufe über den Markt und geselle mich zu einer Gruppe Menschen mit Fahnen in der Hand. Sie singen und trinken.
„Was bistn du fürn Vogel?“, werde ich gefragt.
„Ich bin kein Vogel. Ich bin ein richtiger Mensch.“, antworte ich gerührt.
„Aha.“, sagt der dünne junge Mann. „Machste mit?“
„Wobei denn?“, frage ich freundlich.
Ein schräger Blick seinerseits. Ich bin verunsichert.
„Wir demonstrieren hier für ein sauberes Deutschland.“
„Ja, für Sauberkeit bin ich auch.“ Ich nicke eifrig.
„Das ist gut.“, grinst mein Gesprächspartner und schreit dann: „Lasst sie absaufen!“
„Entschuldigung“, tippe ich ihn an der Schulter an. „Wer soll denn absaufen?“ Ich denke an den Jungen, den ich gerade aus dem Meer geholt habe.
„Na der Moslem beim Bäcker, der N**** auf dem Fußballfeld und alle dreckigen Ausländer, die uns die Arbeitsplätze klauen!“, zischt der Mann voller Hass in den Augen.
Es war ein Reflex. Ich schlug einfach zu.
Etwas perplex, gab der dumme Mensch ruh.
Ich glaube es zischt nicht so gut ohne Zähne.
Ich eile davon, kämpfe gegen die Träne.
Traurig schlurfe ich zum Meer.
Sie war nicht stumm die Gegenwehr.
Aber ich fühle mich plötzlich so rostig und alt,
da ist nichts zu holen und mein Herz, das bleibt kalt.
Und ich setze mich hin, was hat das noch für Sinn?
Weißt du wie es ist, aus welchem Holz bist du geschnitzt?
Wie kriegt man ein rostiges Herz nur zum schlagen?
Ja muss ich euch das wirklich noch sagen?

– Laura –