Woher kommst du?

Woher kommst du eigentlich?
Nein, ich meine, woher kommst du wirklich?
Also, wo kommen deine Eltern her?
Nein, wo kommen die wirklich her? Oder deine Großeltern?
Mann, du hast doch definitiv andere Wurzeln, das sieht man doch!

Woher kommst du?
Warum frage ich so etwas? Warum frage ich ausgerechnet diese Person danach?
Eine Person, der ich auf dem Weg zur Arbeit begegnet bin,
die mich nach dem Weg zur Alster gefragt hat.
Wir haben ein Gespräch angefangen.
Das Thema war Urlaub.

Ich kenne die mir gegenüberstehende Person nicht.
Und trotzdem brennt diese Frage auf meiner Zunge.
Woher kommst du? Ist doch nichts dabei.
Oder?

Wie bin ich auf diese Frage gekommen? Ich bin einfach eine weltoffene Person.
Ich bin neugierig, möchte etwas über andere Leute erfahren und Erfahrungen austauschen.

So bin ich einfach.
Oder möchte ich doch nur irgendwen wieder in eine Schublade packen?
Warum reicht mir die gegebene Antwort nicht? Ich bin richtig wütend geworden.
Die Antwort hat meinen Erwartungen nicht entsprochen. Warum ist sie in meinem Kopf nicht richtig?
Wie kann ich entscheiden, was falsch ist und was wahr? Wer bin ich, um so etwas zu entscheiden?
Was bewirkt diese Antwort in mir, dass ich anfange aggressiv zu werden?

Wem würde ich diese Frage stellen? Was hätte diese Person an sich? Würde es an ihrem Alter oder an ihrer Sprechart liegen?

Einem weißen Mann oder einer weißen Frau würde ich diese Fragen nicht stellen. Warum?
Wieso würde ich einen Unterschied zwischen einer weißen Person und einer Schwarzen Person ziehen, ohne irgendeinen Hintergrund?

Was in einem Menschen würde mich dazu bewegen diese Frage zu stellen?
Warum gehe ich davon aus, dass Personen mit anderer Hautfarbe oder Augenform als meiner, nicht aus dem gleichen Land kommen wie ich? Wieso sehe ich da einen Unterschied?

Was für Einflüsse haben mich so denken lassen? Wie sind diese Fragen überhaupt in meinen Kopf gelangt?
Liegt es an meiner Erziehung? Haben meine Eltern mir irgendetwas mitgegeben, das mich so denken lässt? Wenn auch unabsichtlich?
Haben meine Freunde mich dazu veranlasst? Stellen sie anderen auch manchmal solche Fragen? Woher haben die diese Fragen?

Was für andere Personen denken so wie ich? Sind diese Personen wichtig in den Medien?
Sind es Personen der Öffentlichkeit, die diese Fragen provozieren?

Was heißt denn der Heimatort überhaupt?
Bringt es irgendeiner Person etwas zu wissen, dass ich aus einem kleinen Dorf aus Deutschland bin?
Wo ist der Unterschied zu einem kleinen Dorf in Afghanistan, Honduras oder Äthiopien?
Was bringt mir persönlich diese Antwort?
Würde sich dadurch irgendetwas an dem Menschen für mich ändern?

Wie würde ich mich dabei fühlen?
Ganz ehrlich, ich würde mir ziemlich verarscht vorkommen. Was denkt sich diese Person? Warum ist sie mit der Antwort nicht zufrieden?
Sie kennt mich noch nicht einmal und unterstellt mir, dass ich lüge. Was gibt mein Aussehen her, dass ich nicht daherkomme, woher ich sage.

Was macht das für einen Unterschied, ob ich aus Deutschland, der USA oder Australien komme. Für die fragende Person: Nichts. Die denkt sich ihren Teil, malt sich das Bild, was sie sowieso von vornherein wahrscheinlich schon hatte und ist entweder zufrieden – oder eben nicht.

Aber für diese Person ändert sich nichts.
Aber was bewirkt das für die gefragte Person?

Mit dieser Frage zweifle ich an der anderen Person. Ich zweifle an ihrer Aussage, an ihr und an ihrer kompletten Identität. Durch diese Frage zerbreche ich dieser Person Denken über sich selbst, über ihr Auftreten und ihr Aussehen.
Mit dieser Frage sorge ich dafür, dass sich jemand als etwas anderes sieht.
Jemand nicht „normales“, jemand nicht willkommenes.

 

– Anna –