Zeitreise

Es ist das Jahr 2033. Du bist schon ganz schön groß geworden, gehst in die zehnte Klasse, spielst Fußball, vergisst deine Hausaufgaben und in der Schule liebst du nur die große Pause. Das hast du bestimmt von mir.

Es sind Sommerferien und wir beide machen eine Reise. Es ist eine Reise, wie ich sie schon oft gemacht habe – mit dem Nachtzug von Hamburg nach Wien.

Es ist das Jahr 2033 – Österreich wird schon lange nicht mehr Kurz regiert, sondern weitsichtig und klug. Niemand denkt hier noch an Panscherl mit der FPÖ.

Wir machen es uns in einem Abteil gemütlich, die Sitzbänke sind noch aus demselben hässlichen Plüsch wie früher, es mieft und ich schmunzle: „Na viel hat sich ja nicht verändert in den letzten 20 Jahren.“

Aber egal, wir wollen ja unsere Reise genießen. Also setzen wir uns einander gegenüber an die Fensterfront, ziehen unsere Schuhe aus und legen die Füße hoch. Der Zug fährt schon eine ganze Weile. Wir sprechen über dies und das und überlegen, von Wien aus noch einen kleinen Abstecher nach Ungarn zu machen.
Können wir ja, die Grenzen sind offen. Denn es ist das Jahr 2033 – Ungarn lässt schon lange wieder jeden ins Land.

Und dann reden wir auch über die Schule, klar, ich bin schließlich deine Mama und kann es einfach nicht lassen. Dir ist dort einfach ultra langweilig. Geschichte, Politik, wozu das ganze Längstvergangene immer und immer wieder durchkauen? Gerade behandelt ihr den zweiten Weltkrieg – immer noch. Für dich schon eine gefühlte Ewigkeit. „Hugo!? Das ist wichtig! Warum interessiert dich das nicht?!“

Es ist das Jahr 2033 – und du sagst: „Mama, es gibt doch schon längst gar keine Nazis mehr! Das ist doch nun alles schon 100 Jahre her. Ich jedenfalls habe noch nie einen gesehen!“

Ich schaue schweigend aus dem Fenster und wundere mich über dich. Natürlich weiß ich, das du kiffst. Die Bong in deinem Zimmer hab ich schon lange entdeckt. Aber macht das denn wirklich so gleichgültig? Oder haben wir, deine Eltern, dir wirklich so wenig erzählt von unserer Jugend?

Ich schaue noch lange aus dem Fenster…

„Weißt du, Hugo, als ich jünger war, ging es mir ähnlich wie dir. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass es irgendwo noch Nazis gäbe. Rassismus hielt ich für längst überwunden. Aber ich fand Geschichte immer cool. Vor allem die EU – das war unser großes Thema. Freies Reisen, quer durch Europa, überall das gleiche Geld und dieses Gefühl zur großen Gemeinschaft der Europäer zu gehören. WOW!

Und dann passierten plötzlich die unglaublichsten Sachen. Dinge, die wir nie für möglich gehalten hätten.

Männer entführten zwei Passagierflugzeuge und flogen direkt ins World Trade Center. Sie töteten 3.000 Menschen und wir alle kannten auf einmal den Begriff „Islamistischer Terror“. In Deutschland wurden zwei Nazis, waschechte Terroristen, tot in einem Wohnwagen gefunden. Die hatten mit ihrer Komplizin jahrelang Migranten ermordet, eine rechte Terrorzelle gebildet, sich bewaffnet, und in Deutschland wollte es keiner gemerkt haben. Angela Merkel wurde als erste Frau zur deutschen Bundeskanzlerin, Amerika bekam mit Obama den ersten Schwarzen Präsidenten. Terroranschläge gab es weiterhin überall.

Und dann kam das Jahr 2015! „Je suis Charlie“ hieß es da am Anfang des Jahres als Reaktion auf das Attentat auf französische Satiriker. „Islamistischer Terror“ war schon wieder in aller Munde. Aber 2015 war auch das Jahr, in dem die vielen Geflüchteten bei uns ankamen. Diese Bilder werde ich nie vergessen. Merkel sagte damals: „Wir schaffen das.“ Und das haben wir auch gedacht. Jeder, den wir damals kannten, half irgendwo mit, sortierte Kleidung, gab Deutschunterricht, besorgte Essen, Unterkünfte, freundete sich an.

Doch zeitgleich und überall auf der Welt erschienen plötzlich diese komischen Gestalten. Donald Trump wurde zum US-Präsidenten – das hätte niemand für möglich gehalten. Dieser Mann hasste Frauen und Ausländer, Mexikaner sogar so sehr, dass er sich hinter einer Mauer vor ihnen abschotten wollte. Auch dass die Briten nicht mehr zur EU gehören wollten, machte uns damals fassungslos. In Ungarn entschied Viktor Orban, keine Geflüchteten aufzunehmen, stattdessen überlegte er, die Todesstrafe wiedereinzuführen. Und Österreich, tja – Österreich wurde von einem Jungen ohne Bartwuchs regiert, der sich zu den Rechten ins Bett legte, um Stimmen zu fangen und mit denen er regierte, ganz ohne sich zu genieren.

Und auch in Deutschland schossen die absurdesten Gestalten aus allen Ecken. Überall demonstrierten vermeintliche Patrioten gegen die „Islamisierung des Abendlandes“, in Wahrheit waren das stramme Nazis, Antidemokraten und Menschenfeinde!

Die „Alternative für Deutschland“ machte an allen Ecken und Enden Stimmung gegen Ausländer, sie marschierten mit den rechten Demonstranten mit, hetzten gegen Frauen und Homosexuelle. Mit 94 Abgeordneten saßen diese Widerlinge auf einmal im Deutschen Bundestag.

Das wurde in Deutschland so zugelassen, viel mehr noch, so haben die Deutschen gewählt.

Und, lieber Hugo, da waren sie nun, überall, direkt vor unserer Tür, im Fernsehen, im Bundestag, auf den Straßen, echte Rassisten! Live und in Farbe! Und wir hatten alle gedacht, so etwas könnte bei uns nie wieder passieren. Wie naiv wir doch waren.

Aber wir haben gekämpft, den Rechten Paroli geboten. Die AfD hat sich aufgelöst, es gab den Exit vom Brexit, die Grenzen sind offen und niemand hat eine Mauer gebaut! Und du, lieber Hugo, lebst in Sicherheit und Frieden und hast noch nie einen Nazi gesehen.

Und damit das so bleibt, hör genau zu, wenn dein Lehrer dir von 1933 erzählt, damit du Rassisten erkennst und gegen sie aufstehen kannst, wenn ich schon zu alt bin für diesen Kampf.